Eckelt Consultants GmbH

WARUM INDUSTRIE 4.0 KEINE HIPSTER
BRAUCHT – SONDERN KÖNNER

Dr. Wolfgang K. Eckelt
Geschäftsführender Gesellschafter, Eckelt Consultants GmbH

Deutschlands Elite gibt sich neuerdings äußerst aufgeknöpft: CEOs von DAX-Konzernen präsentieren Neuheiten neuerdings „oben ohne“. Selbst auf dem Wirtschaftsgipfel des Hamburger Abendblatts im Hotel Atlantic im Sommer 2015 sah man so wenige Krawatten wie nie zuvor, auf dem Podium war das einstige „Machtsymbol“ des Managers sogar komplett verschwunden. Werden Deutschlands Manager jetzt zu Hipstern? Und wenn ja: Warum eigentlich?

Die Antwort heißt Silicon Valley.
Das legendäre Tal mit den, so glaubt man, allerbesten Gründern der Welt. Das Tal, in das hiesige Topmanager reihenweise Busreisen buchen, um sich etwas abzuschauen vom legendären Gründerspirit und ein bisschen davon nach Hause mitzubringen. Vor Ort wundern sie sich zwar über die markigen, für hiesige Ohren manchmal größenwahnsinnig (um nicht zu sagen naiv) tönenden Visionen. Aber: Spannend klingt es ja doch. Und sie sehen dort auch anders aus, die Wunderkinder in ihren T-Shirts und Badelatschen, alles Marke Zuckerberg.

Daneben wirkt ein deutscher Anzugträger mit Krawatte und Kragen wie aus dem neunzehnten Jahrhundert! Das will man ja nicht. Also bringt man als Souvenir und Zeichen für den neuen Spirit, wenn schon nicht die Badelatschen, dann immerhin den offenen Hemdkragen mit zurück ins Ländle.

Und jede Menge Angst.
Angst vor Rückständigkeit. Vor allem vor Disruption. Denn, so hört man, es wird alles digital werden, was irgendwie digital werden kann. Die kleinsten Hinterhofklitschen könnten die größten Player über Nacht mit schlauen Geschäftsmodellen an die Wand fahren. Gefüttert wird diese Angst durch Studien. So zeigt zum Beispiel Accenture in einer Umfrage aus dem Jahr 2015, dass zwar knapp 80 Prozent der Top-500-Unternehmen die Bedeutung der Digitalisierung erkannt haben, nur 16 Prozent aber auch der Umsetzung digitaler Geschäftsmodelle die oberste Priorität geben. Capgemini stellte schon 2013 fest, dass über 90 Prozent der Unternehmen mangelhafte oder gar fehlende Kompetenzen zur Nutzung digitaler Medien in der Organisation beklagen. Oh, oh!

Zwei Gegenmittel fallen deutschen Unternehmen ein: Filialen im Silicon Valley aufbauen. Oder aufkaufen. Zur Not geht auch Berlin-Mitte. Und: Hipster einstellen. Wobei hier vieles in Klischees gedacht wird: T-Shirt und Smartphone, Badelatschen und Vollbart, Fahrrad und Vegankost. Ein bisschen sperrig sind diese Typen, vermutet man, aber hoch intelligent und voll motiviert, wenn man sie nur ein ganz klein wenig und ganz vorsichtig auf Augenhöhe führt, wenn man sie rechtzeitig zum Yoga gehen lässt und zum Elternabend.

Klischees, ja. Aber ganz im Ernst: Müssen wir jetzt Wunderkinder in Badelatschen einstellen, um die Disruptionen der Zukunft zu überleben? Oder mehr noch: Müssen wir uns jetzt selbst in Hipster verwandeln? Schwer vorstellbar, nicht zuletzt da es auch eine Generationenfrage ist.

Ich sage ganz klar: Nein
Stuttgart, Wolfsburg, München oder Köln sind eben nicht Silicon Valley. Und Schwaben, Bayern und Franken, wo sich viele Weltmarktführer der Zuliefererindustrie befinden, sind auch keine Landstriche, die vergleichbar mit dem besagten Tal in Amerika wären. Und so wird es auch nicht werden. Wir sollten nicht in sinnfreien Utopien denken und uns noch weniger von Paranoia treiben lassen, sondern einmal ganz realistisch darauf schauen, wie unsere Wirtschaft, hier und heute, funktioniert. Warum sie so erfolgreich ist. Und welche Kandidaten sie so erfolgreich machen.

Zuerst zur Wirtschaft:
Tatsächlich haben Airbnb und Uber die Hotel- und Taxibranche bis ins Mark erschüttert. Und ja, auch Marktanteile abgegraben. Beide Branchen aber gibt es noch. Und beide haben längst smarte Bestellsysteme etc. entwickelt. Tatsächlich machen Carsharing-Services die Automobilbranche nervös. Es wurden im vergangenen Jahr tatsächlich auch minimal weniger Privatautos angemeldet. Aber: Parallel dazu stieg die Gesamtzahl der Neuanmeldungen um 5,6 Prozent, es wurden mehr Autos gebaut und mehr Autos verkauft. Gleichzeitig werden die Hersteller selbst zu Anbietern von Mobilitätskonzepten. Und auch wenn Brillen in Zukunft aus dem 3-D-Drucker kommen, bedeutet das automatisch das komplette Aus für Ray-Ban, Prada und Co.?

Es gibt sie durchaus, die Umschichtungen in den Märkten. Dennoch ist Disruption ein Buzzwort. Wer es im Businessplan stehen hat, fasziniert Investoren. Wer es im Interview sagt, kommt in die Talkshow. Die Realität ist etwas weniger aufregend. Natürlich gibt es neue Ideen, die alte ablösen. Natürlich gibt es erfolgreichen „fancy shit“ (laut Spiegel-Beitrag über Joe Kaeser). Aber – entgegen der großen Rede von der Disruption – bleibt viel Altes doch einfach bestehen. Komplett oder als Teil einer Kooperation. Manches ändert vielleicht seine Rolle, seine Funktion, aber es verschwindet nicht von heute auf morgen.

Ebenso wie der Mittelstand in Deutschland.
Immer noch kommen zwei Drittel der gesamten Wirtschaftsleistung aus dem Mittelstand, immer noch arbeiten zwei Drittel der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Mittelstand. Immer noch bewähren sich ebendiese Mittel- ständler durch solide Arbeit, fachliches Know-how, konsequentes Durchdenken von Zusammenhängen, intelligente Organisation, realistische Wachstumsstrategien und eine oftmals erstaunlich konservative Investitionspolitik. Hier wird nicht mit aufgeblähtem Selbstbewusstsein vom disruptiven Niedermetzeln ganzer Branchen fabuliert. Hier ist man auch nicht zwingend agil unterwegs (ein zweites Buzzword). Es wird eben gearbeitet. Seit Dekaden übrigens auch mit digitalen Techniken. Immer da, wo es sinnvoll ist. Und wo es notwendig ist, mit sehr schnellen Entscheidungen. Und wenn es an der Zeit ist, mit neuen Produkten und in neuen Geschäftsfeldern. Vielerorts übrigens traditionell ohne Krawatte.

Und auch wenn es Versand- und Musikhäuser dahingerafft hat, wenn Konzerne wie Siemens in Sachen Telekom- munikation aufwachen und Energiekonzerne umdenken mussten: Viele der Old-Economy-Riesen in Deutschland stehen noch immer gut da. Es gibt hier nach wie vor Hierarchien, Karrieren, tariflich geregelte Arbeitsverhältnisse. Gut: Man bemüht sich, Entscheidungen schneller zu fällen, nicht mehr nur in neuen Vertriebswegen zu denken, sondern auch in neuen Geschäftsmodellen und hin und wieder ein vielversprechendes Start-up zu kaufen. Aber sonst? Bleibt ziemlich viel ziemlich „old“. Weil es funktioniert. Weil es sich bewährt hat. Weil es nämlich weder sinnvoll noch notwendig ist, jeden gut laufenden Konzern sofort umzusortieren in ein hipstergetriebenes Garagen-Start-up.

Was heißt das nun für die Suche von Kandidaten? Auch hier gibt es neue Ideen, auch hier Umschichtungen. So lassen sich tatsächlich auch Kandidaten mit „Job-Multiposting nach dem Real-Time-Bidding-Verfahren“ finden. Fachkräfte vor allem. Nerds. Auch neue Jobprofile sind angesagt: Big- Data-Analysten, Experten für Human-Interface-Design, Robot Coordinators, Forscher und Entwickler für völlig neue Software, völlig neue Hardware. Das ist gut. Auf Topmanagementebene aber wird das kaum eine Rolle spielen.

Dennoch sehe ich zwei neue Entwicklungslinien, die bei meiner Suche nach Top-Führungskräften in Zukunft wichtiger werden könnten:

Selbststeuerungskompetenzen: Feste Arbeitszeiten und feste Arbeitsorte gelten schon heute als vorgestrig. Die flexible, entgrenzte Arbeit ist zum Normalfall geworden. Wir unterscheiden nicht mehr streng zwischen Woche und Wochenende, zwischen Arbeitszeit und Urlaub, zwischen „Dienst“ und Privatzeit. In vielen Branchen ist der Beste der Schnellste, da gibt es keine Pause. Umso wichtiger wird es, die Energie vernünftig einzuteilen: Durchhalte-Disziplin auf der einen Seite, intelligente Pflege der eigenen Ressourcen auf der anderen Seite. Kurz: Exzellenz ohne Burnout.

Interkulturelle Kompetenz: Wir brauchen Vermittler. Nicht nur zwischen USA, Asien und Europa – das ist ein alter Hut. Sondern immer mehr zwischen den unterschiedlichen Milieus: Zwischen new und old, Kreativkopf und Kapital, T-Shirt und Krawatte, Silicon Valley und Stuttgart. Denn was hat ein gut aufgestellter Automobilzulieferer davon, wenn er seine ultrahochbegabten, aber leider allzu badelatschigen Start-up-Hoffnungsträger nicht mit zum Kunden nehmen kann? Kurz: Wir brauchen Kommunikation ohne Borniertheit.

Wir brauchen keine hippen Bartträger in Badelatschen, um erfolgreich zu bleiben. Sondern Leistungsträger mit brillanten Ideen, die vernetzt denken und arbeiten können. Ob sie diese Leistung ohne Krawatte und mit Vollbart oder mit Krawatte ohne Vollbart bringen, ist absolut irrelevant. Bei all der Aufregung um Disruption, Agilität und Co. gilt es also einmal mehr, skeptisch zu bleiben und einen kühlen Kopf zu bewahren: Nicht jeder Old-school-Manager, der neuerdings seine Krawatte im Schrank lässt, ist wirklich offen für Neues. Und nicht jeder Hipster ist automatisch ein Wunderkind. Es hat sich also nichts geändert: Wirklich wertvolle Perlen muss man immer noch suchen.