Toto Wolff

Motorsportchef von Mercedes-Benz

Manager, Investor, Coach, Visionär – Vielleicht auch Dompteur?
Toto Wolff ist Motorsportchef von Mercedes-Benz. Doch wie kommt man in diese Position? Sein Biografie zeigt interessante Facetten von Ringbuchmechanik bis Formel 1. Ich durfte den souveränen Meister der F1 und seinen bewegten Lebenslauf kennenlernen und ihn sozusagen “on stage” erleben.

Freitag, ein hektischer Tag. Viele Termine, die Telefone stehen nicht still – eigent- lich alles wie immer. Ich bereite mich noch auf ein wichtiges Gespräch vor, sehe kurz aufs Handy. Eine überraschende Nachricht reißt mich aus meinem Trubel: Nico Rosberg tritt zurück. Gerade auf dem Zenit des Ruhms angekom- men, möchte er seine Karriere beenden. Ich schlage einen Artikel auf. Auf Facebook erklärt er seine Entscheidung und schreibt: „Das Einzige, das diese Entscheidung sehr schwierig macht, ist, dass ich meine Racing-Familie jetzt in eine schwierige Position bringe. Aber Toto hat mich verstanden.“ Da muss ich schmunzeln. Ich kenne Toto Wolff und frage mich, wie er die Entscheidung wohl aufgenommen hat. Wahrscheinlich souverän, verständnisvoll und doch im gleichen Augenblick grübelnd über einen Nachfolger. Nur so kann man das komplexe Business steuern.

Der Weg zur perfekten Passung
Zwei Leidenschaften begleiten mich schon lange. Neben Schweizer Chrono- graphen begeistere ich mich für die Schnelligkeit, Technologie und Emotion von Autos. Auch aus diesem Grund bin ich Herausgeber des „Top Career Guide Automotive“.

Meine zweite Leidenschaft schließt sich nahtlos an: die Faszination für Le- bensläufe, Werdegänge, persönliche Entwicklungen. Wie finden erfolgreiche Persönlichkeiten den richtigen Ort und die passende Tätigkeit, um ihre Talente und Fähigkeiten optimal einsetzen zu können? Diese Leidenschaft machte mich zum Personalberater und Consultant.

In der Vorbereitung für jede neue Ausgabe dieses Magazins bin ich also auf der Suche nach Menschen und Geschichten, die mindestens eine meiner beiden Leidenschaften wecken, im Idealfall beide. Hier haben wir es mit einem Idealfall zu tun. Denn der Werdegang des Toto Wolff ist alles andere als bilderbuchmäßig. Als junger Mann stand er fast vor dem Nichts, er probierte sich aus, bis er entdeckte, wo sein Talent lag. Oder eines seiner Talente?

Er ist schnell, smart, von wachem Geist und unternehmerischem Geschick, so dass er heute, mit Mitte Vierzig, nicht nur das Formel-1-Team des Weltmeisters leitet, sondern auch für alle anderen Motorsportaktivitäten von Mercedes-Benz verantwortlich zeichnet. Zudem aber – und das ist das Wichtige – auch unternehmerisch beteiligt ist an dem Erfolgsunternehmen der Mercedes-Benz Grand Prix Ltd., also angestellter Manager und Anteilseigner zugleich. Da hat man viel richtig gemacht, scheint mir, und ich wollte diesen Mann näher kennenlernen.

Erfolgskurs
Beeindruckend. Das war mein Fazit nach zwei Tagen am Hungaroring in Budapest. Ich war gespannt darauf zu sehen, wie Toto Wolff seine Akteure dirigieren würde. Es wirkte alles eingespielt, auf die Sekunde getaktet. Von den Reifen bis zur Trinkflasche ist alles organisiert. Und funktioniert. Und das zeigte sich für mich an diesem Tag: Nur so funktioniert Erfolg – in großem Stil. Ein Zitat von Toto Wolff hat mich im Vorfeld fasziniert, es wurde mir zum Leitsatz: „Ein Team funktioniert, wenn es die richtigen Fahrer hat, das richtige Management, die richtigen Ingenieure, das richtige Budget und den richtigen Geist. Wenn du diese Zutaten zusammenbekommst, schaffst du es.“

Die Fahrer
Die richtigen Fahrer hat das Mercedes-Benz Team ohne Zweifel. Dabei zwei Teamkollegen, die in jeder Sekunde auch Rivalen sind und bis zum letzten Rennen um den Weltmeistertitel kämpfen. Spürbar in jedem Rennen. Keine leichte Aufgabe.

Doch er kennt sich aus. Toto Wolff ist selber Rennen gefahren. Angefangen hat der sympathische Österreicher 1990 und war 1992 in der Formel Ford erfolgreich. Doch er stieg wieder aus. Erkannte er, dass sein Talent auf einem anderen Gebiet liegt? Dass es im Rennsport nicht bis aufs „Stockerl“ reicht und daher stieg er ganz aus?

Das richtige Management
Die andere Seite des Toto Wolff: Er studierte nicht zu Ende, sondern begann eine unternehmerische Karriere in einer Firma, die Ringmechaniken für Ringordner herstellte. Dort fing er an als Verkaufsassistent. Bald ging die Firma pleite und er stand vor dem Nichts, da auch sein Gehalt nicht ausbezahlt werden konnte. Nun wagte er Großes: Als junger Mann von Mitte Zwanzig übernahm Wolff die Firma, da er darin die einzige Möglichkeit sah, sein Geld wiederzubekommen. Und er sollte Recht behalten … und expandierte erfolgreich.

Jetzt hatte er erkannt, wo seine Stärken lagen, gleichzeitig begann das Phäno- men des „neuen Markts“: „Durch diese Technologiegoldgräberstimmung kam ich dann auch selber in die Investmentbranche und habe ein Beteiligungsun- ternehmen mit einem Mitarbeiter gegründet. Auf dem Höhepunkt hatten wir Büros in Wien, Berlin, Zürich, Tel Aviv und Warschau mit einem Team von 29 Investmentprofessionals. Sehr schlank und sehr effizient.“ Und auch als der Internethype immer überzogener wurde, ließ ihn sein Geschäftssinn nicht im Stich und Wolff verkaufte seine Firmen noch rechtzeitig, bevor die Blase platzte.

Jung, erfolgreich, saturiert
Nun war es Zeit, „etwas Sinnvolles zu tun“, sagt er. Daher unterstützte er junge Rennfahrer als eine Art Mentor. Und sein Name fiel, als es darum ging, die AMG-Tochter HWA erfolgreich an die Börse zu führen. Er sagte zu. Der Rest ist Geschichte. Seit 2014 ist er Teamchef von Mercedes AMG Petronas, Gesamt- verantwortlicher für alle Aktivitäten von Mercedes-Benz Motorsport. Doch wie sieht Toto Wolff sich selber? „Im Grunde bin ich Investor. Immer gewesen. Wenn ich Potenzial in einem Unternehmen erkenne, sehe ich es als meine Aufgabe dieses Potenzial zu heben.“

Der richtige Geist: Hungaroring, 70 Runden, 306 km
Bis zu 30°C, 10 Prozent Regenwahrscheinlichkeit. Hamilton hat die letzten Rennen gewonnen und heute die Chance, in der Fahrerwertung an Rosberg vorbeizuziehen. Rosberg auf der Pole, Hamilton innen. Das sind die Fakten für meinen Tag mit Toto Wolff. Der Tag beginnt früh, ich bin etwas nervös, während es so scheint, als ob alle anderen genau wüssten, was ihr Job ist, und diesen mit Ruhe und Souveränität ausführen.

Zufällig komme ich gleichzeitig mit Bernie Ecclestone am Ring an. Er begrüßt mich mit einem freundlichen „what a day“!

Präzision
Fahrerlager, Boxengasse, Mittagessen, Fitnesstrainer, Presseinterviews zwischen Reifenwagen: Alles läuft sekundengetaktet ab. Präzise wie ein Uhrwerk. Eindrucksvoll, ebenso wie Toto Wolff. Fast im Minutentakt wird er von unterschiedlichen Personen angesprochen, muss Aussagen machen, Entscheidungen treffen. Und er bleibt immer souverän. Fast schon cool.

Der Start rückt näher, die Wetteraussichten lassen Toto Wolff und Niki Lauda nochmals über die Wahl der Reifen diskutieren. Und ich sitze dabei!

Nun ein unglaublicher Moment: Der Start vom Grand Prix am Hungaroring und ich direkt am Leitstand. Hier können Toto Wolff, Niki Lauda und die anderen Teammanager direkt das Rennen beobachten, steuern und stehen mit allen über Funk in Verbindung. Allein diese Aufgabe, sich über 1 Stunde und 40 Minuten jede Sekunde zu konzentrieren und zu fokussieren, ist eine mentale Höchstleistung.

Und es kam wie vorhergesagt: Hamilton hatte einen besseren Start und somit sehr gute Chancen, das Rennen für sich zu entscheiden. In Runde 20 klagt Hamilton über die Reifen, Graining … Aber auch jetzt bricht keine Hektik aus, alles souverän, routiniert.

Zieleinlauf
Schließlich wird es ein Sieg für Lewis Hamilton und er hat damit seinem Teamkollegen Nico Rosberg die Führung entrissen. Wieder eine Herausforderung für Toto Wolff, der Presse die richtigen Statements zu geben und intern mit Lob und Kritik klug umzugehen. Gerade was die beiden Konkurrenten und Team-Raubkatzen angeht, die ich auch kurz kennenlernen durfte, möchte ich bei dieser Aufgabe nicht tauschen.

An diesem Abend bin ich überwältigt und beeindruckt, als ich die Bernie Avenue wieder zurückfahre Richtung Autobahn. Überwältigt von der Ehre, diesen Tag mit den Legenden des Rennsports verbringen zu dürfen, mit denen ich ganz ungezwungen sprechen konnte. Beeindruckt von der Souveränität, Sympathie und Coolness des Toto Wolff und von seinem Werdegang, der ihn in diese Position gebracht hat. Es sind eben doch oft die verschlungenen Wege, die zum ganz großen Erfolg führen. Denn es gibt ja keinen Ausbildungsberuf „Formel-1-Chef“.

Heute fällt mir der letzte Satz unseres längeren Gesprächs wieder ein. Wolff sagte: „Eines Tages werde ich die Formel-1-Kappe abnehmen und gehe in mein normales Leben zurück.“ Und ich muss an Nico Rosberg denken. Da waren wohl zwei, die sich tief verstanden haben.