Only the sky is the limit

Im Nachhinein war Dr. Wolfgang Eckelt im Zweifel. War es Naivität? Manche werden sagen, es war Hybris…
Er hatte sich auf eine Bergtour mit der Bergsteierlegende Hans Kammerlander eingelassen. Doch es wurde steil und beklemmend. Eine Tour an den Grenzen der Belastbarkeit – und er würde es wieder tun…

Annäherung
Eigentlich bin ich wirklich kein großer Fan der Fortbewegung »per pedes«. Meist bin ich gerne etwas zügiger und oft mit Motorunterstützung unterwegs. Doch andererseits reizte mich die Herausforderung, nur mit eigener Kraft, ohne technische Hilfsmittel einen Berg zu bezwingen. Das Beherrschen einer 145-PS-Ducati auf einer viel befahrenen Landstraße in Kurven und Senken ist eine Sache, doch sich quasi »mit bloßen Händen« der Natur zu stellen und den Berg oder sogar den blanken Fels zu bezwingen ist eine andere. Und beides war eigentlich mein Ding!

An diesem Punkt hätte es mir mulmig werden müssen, doch ich hatte von meinem Vorhaben eigentlich gar keine Vorstellung, also kam ich auch nicht auf den Gedanken, dass es mich überfordern könnte. Wenn ich als Laie so ein Abenteuer unternehme, dann natürlich nur in Begleitung von einem Profi, der mir durch seine Coolness schon aufgefallen war. Ich kontaktierte Hans Kammerlander und er war bereit, mit mir das Unternehmen anzugehen. Eigentlich wollte ich auf den Mont Blanc, doch er lud mich ein, quasi bei sich vor der Haustür, das Wahrzeichen der Dolomiten zu bezwingen, die Drei Zinnen.

Fakten
Die Drei Zinnen bilden das eindrucksvolle Wahrzeichen der Sextner Dolomiten; die Große Zinne wurde zum ersten Mal 1869 vom Wiener Alpinisten Paul Grohmann gemeinsam mit den einheimischen Führern Franz Innerkofler und Peter Salcher bestiegen. Wir wollten denselben Weg nehmen, der auch über den schwierigen, heute sogenannten »Innerkofler- Kamin« führte. Mir war bis dato das Wort Kamin in diesem Zusammenhang nicht wirklich geläufig.

Kaltstart
Der Tag des Berg-Abenteuers rückte näher und meine Vorbereitung bestand darin, mir das passende Outfit zu kaufen, vor allem ordentliche Schuhe und einen Helm. Leider gibt es in diesem Bereich nichts besonders Kleidsames, aber sein muss es eben. Das erste Mal stutzte ich, als mein Begleiter mir mitteilte, er hätte für uns einen Platz im Rifugio Auronzo gebucht. Gibt es denn dort nicht auch ein vernünftiges 5-Sterne-Hotel, dachte ich noch in meiner Stuttgarter Halbhöhen-Denke, doch es sollte ja eine neue Erfahrung werden, also verbrachten wir den Abend vor der Tour in wunderschönem Panorama, jedoch auf Jugendherbergsniveau.

Nach einer kurzen Nacht weckt mich der Alarm um 5:30 Uhr, Start war pünktlich morgens um 6. Mit uns waren natürlich noch andere Kletterer unterwegs, die sich sehr über die prominente Gesellschaft meines Guides Hans Kammerlander freuten. So machten wir im Morgengrauen erst mal Selfies, dann konnte das Abenteuer beginnen. Vor der Berghütte schienen die Drei Zinnen schon zum Greifen nahe, was bei mir fast für Enttäuschung sorgte, da das Ganze für mich immer noch nicht nach Drehzahlmesser im Grenzbereich aussah. Ein Irrtum.

Die ersten Meter waren eben und angenehm für die frühe Morgenstunde und ich vertiefte mich mit meinem Bergkameraden in ein Gespräch, denn wann läuft man schon mal morgens mit einem der berühmtesten Extrem-Bergsteiger weltweit! Hans Kammerlander erzählte mir von seinen Besteigungen, von seiner Zeit mit Reinhold Messner und von seinem letzten Projekt, den »Seven Second Summits«. Während die höchsten Berge der Erde schon quasi zur Touristenattraktion verkommen, bilden die zweithöchsten Berge der Welt eine viel größere Herausforderung, da sie oft schwer zu erreichen und ebenso schwer zu bezwingen sind. Kammerlander hatte sich zum Ziel gesetzt, was noch kein Bergsteiger erreicht hatte: Er bestieg die zweithöchsten Berge eines jeden Kontinents. Ein absolut grenzwertiges Abenteuer, wie er sagt.

Inzwischen waren wir über ein Geröllfeld an der Großen Zinne angekommen, es wurde felsig und ging für meinen Geschmack überraschend steil hinauf. So ließ ich mich also vom Kletter-Idol Hans Kammerlander in die Geheimnisse der Seilschaften einweisen und bekam als Neuling ein kurzes Tutorial zur Klettertechnik. Und schon setzte ich meinen Fuß auf den ersten bröckeligen Felsvorsprung und versuchte einigermaßen geschickt und souverän die ersten Meter bergauf mit vollem Körpereinsatz zu meistern.

Zuerst ging es ganz gut und ich war schon sehr euphorisch. Doch je steiler es wurde, desto öfter rief mir Hans technische Tipps zu und ich quälte mich weiter.

Abgrundtief
Mein Geist war hoch konzentriert. Ich fühlte mich wie ein Sportwagen bei 7.000 Umdrehungen. Jeder Muskel gespannt, immer vorausdenkend, auf welche Stelle man vorsichtig den Fuß setzt und wo man mit welcher Hand wieder ein paar Zentimeter gut macht. Diese Anstrengung von Körper und Geist war mehr, als ich gewohnt war.

Weiter ging es. Stetig. Ich versuchte, im Tempo der anderen mitzuhalten. Doch das Gelände war furchteinflößend. Die Felswand schoss steil und senkrecht neben mir in die Höhe, unter mir nur ein kleiner Geröllabsatz, gerade so groß wie mein Fuß, dann ging es ebenso senkrecht, steil und unbarmherzig nach unten. Mir kam »Carmen« in den Sinn, Szene: Die Schmuggler, Wilde Gebirgsgegend: »Ein falscher Tritt zum Abgrund führt!« Die hatten ja immerhin Erfahrung, ich startete von null und fand mich nun in einer bröckeligen Felswand wieder.

Stellen Sie sich das Szenario vor: Kaum Möglichkeiten, seine Füße zu setzen. Es ist steil, Sie müssen sich sehr darauf konzentrieren, nicht nach unten zu sehen, sondern den Weg nach oben im Blick zu behalten. Und wie Sie es vom Klettern in Bäumen als Kind kennen: Es kann passieren, dass Sie plötzlich nicht mehr vor und nicht zurück können. Diese Situation gab es auch bei mir.

Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist – denn vorher gehörst du ihm.

Krise
Was sollte ich tun? Mein Kopf war leer, meine Muskeln brannten, ich stand total verkrampft auf meiner Stelle und wusste nicht mehr weiter. Doch es war kein Platz, wieder zurückzuklettern, ich konnte nur so stehen bleiben. Ich erstarrte und es hämmerte in meinem Kopf: Denk nach! Du hast so viel schon erreicht, bist erfolgreich in dem, was du tust, welche Lösung gibt es hier? Ich versuchte, rational zu denken. Doch diese körperliche Situation am Berg war anders. Ich war ausgeliefert. Ich hatte Todesangst. Ich war am Ende! Meine letzte Überlegung war, die Bergwacht kommen zu lassen, doch würde ich mich überhaupt so lange halten können?

Dann erwachte wieder mein Kämpfergeist! Bergrettung? Sonst noch was? Ich hatte noch immer einen Ausweg gefunden! Ich sortierte die Fakten: Es war eine Sackgasse, ich musste neu planen. Was tat ich sonst, wenn ich in einer ähnlichen Situation war? Das Wort »aufgeben« gab es ja eigentlich nicht in meinem Wortschatz. Ich fand doch immer andere Möglichkeiten! Wie sahen die aus? »Neue Wege gehen«, »die ausgetretenen Pfade verlassen«! Genau! Doch dann sah ich an mir herunter. Das klang immer gut in Powerpoint-Präsentationen und Hochglanz-Broschüren, aber hier? Ich stand am Abgrund, hatte gerade mal zwei Füße breit Stand und wusste nicht vor und nicht zurück! Ausgetretene Pfade! Was wäre ich jetzt froh, hier einen ausgetretenen Pfad zu entdecken! Denn »neue Wege« waren hier offensichtlich keine vorhanden!

Nächste Möglichkeit: Wenn ich alleine nicht weiterkam, vielleicht doch um Hilfe rufen? Auch dieses Handlungsmuster kam in meinem Denken nur in Ausnahmefällen vor! Doch nun schmerzten die Fingerkuppen vom verkrampften Einschneiden in die Felswand und meine Beine zitterten vor Anstrengung. Ich musste mir eingestehen: Tage an der frischen Luft verbrachte ich gerne mit offenem Verdeck in einem Sportwagen. War ich hier nun tatsächlich am Ende meiner Möglichkeiten angekommen?

Bevor ich mir die Frage beantworten musste, hörte ich die Stimme von Hans Kammerlander. Ich war erleichtert! Der geduldige Alpinist war wieder in meiner Nähe! Und wie schon die gesamte Tour hatte er auch jetzt ruhige und motivierende Worte für mich, gab mir technische Anweisungen und vor allem den Halt am Seil, um mich aus meiner misslichen Lage zu befreien. Und plötzlich taten sich doch neue Wege auf, die Sackgasse hatte ich hinter mir gelassen und ich war froh, meine Begleiter auf einem kleinen Plateau wiederzutreffen, wo wir kurz Pause machten und die wunderbare Aussicht genossen. Natürlich war hier von Krise keine Spur mehr, ich plauderte humorvoll und spürte eine große Erleichterung. Allerdings – vor mir lag ja noch der Kamin!

Spreiztechnik
Es war noch ein harter Weg bis zum Gipfel, wir hatten nun etwa zwei Drittel der Strecke überwunden. Nun kamen wir zum berüchtigten »Innerkofler-Kamin«. Für Laien zur Erklärung: Ein Kamin besteht aus zwei senkrechten Felswänden, zwischen denen man sich meist »in Spreiztechnik«, also mit gespreizten Beinen hocharbeiten muss. Und dabei ist zu bedenken: Unter Ihnen ist die reine Leere, ein tiefer Abgrund ins Nichts. Sie stehen mit gespreizten Beinen im Kamin und die besondere Schwierigkeit am »Innerkofler-Kamin« ist, dass die Wände sehr glatt sind!

Es war eine Passage der Todesangst. Ich dachte nur darüber nach, wie lange meine Kraft wohl noch ausreichen würde. Doch es gab keinen anderen Weg! Zum Glück hatte ich wieder meinen Buddy Hans in der Nähe. Er zeigte viel Einfühlungsvermögen und feuerte mich an. So mobilisierte ich die letzten Kräfte und kam tatsächlich oben an.

In dieser Höhe hatten wir die Kleine Zinne schon fast überflügelt und ich sah euphorisch dem Gipfel entgegen! Es waren noch ein paar steile Stellen zu bewältigen, doch ich war voller Adrenalin und wollte nur den Gipfel erreichen! Dann war es endlich soweit – und meine Enttäuschung war groß! Kein ausladendes Gipfelplateau, auf dem man sich entspannt seiner Vesper und der Aussicht widmen konnte! Es war eng und da schon andere Kletterer hier waren, mussten wir schon bald wieder absteigen.

Doch auch ein anderer Grund trieb uns zur Eile: Ein Gewitter braute sich zusammen. Dass dies in den Bergen nicht zu unterschätzen ist, war auch mir klar. Was Alpinist Kammerlander dazu sagte, machte mir allerdings Angst. Normalerweise dauerte der Abstieg zwar drei Stunden, doch wegen des Gewitters hätten wir nicht mehr als anderthalb Stunden Zeit, wenn wir heil unten ankommen wollten. Nun war zwar die gute Nachricht, dass es beim Abstieg angeseilt etwas schneller ging, doch auch dieses Gefühl des Ausgeliefertseins und sich mit den Füßen an den steilen Felsen abzustützen, die vom einsetzenden Regen schon nass wurden, war ein äußerst unbehagliches Erlebnis für mich. So gesehen hatte es auch etwas Gutes, dass wir uns beeilen mussten.

Ein Gewitter auf einem Dolomitengipfel ist schlimmer als ein Schneestrum an einem Achttausender.

Kirschbaum-Reflexion
Dieser Tag hat mich herausgefordert und mir neue Erkenntnisse gebracht. Vielleicht sollte ich in Zukunft meine Vorhaben besser überdenken und einschätzen lernen. Denn sonst liegen komplette Naivität und Selbstüberschätzung doch sehr dicht beieinander. Andererseits war ich an diesem Tag so oft wie noch nie im roten Bereich meines Drehzahlmessers und habe es überwunden. Ob ich wieder einen Berg ersteigen werde? Unbedingt.

Hans jedenfalls meinte, für einen Anfänger hätte ich mich gar nicht so schlecht gemacht. Vielleicht war das etwas übertrieben. Sicherlich war er froh, mich als Berg-Neuling wieder heil nach unten gebracht zu haben. Doch mir fielen die Kirschbäume unseres Nachbarn im Münsterland wieder ein, deren süße Früchte ich als Kind heimlich genascht hatte. Das Klettern über Hecken und Bäume, damals noch analog, draußen in der Natur, nicht im Gaming-Modus, hatte doch sicher was Gutes!

Das Gefühl der Höhe und des »Weltüberblicks« war berauschend, insbesondere die Grenzerfahrung in der Steilwand. Und während wir wieder zu unserem Rifugio zurückgehen, erinnere ich mich an die Alpinisten-Weisheit von Hans Kammerlander: »Ein Gipfel gehört dir erst, wenn du wieder unten bist – denn vorher gehörst du ihm.« Das kann ich auf jeden Fall unterschreiben.