Into the white

Auch Topmanager haben Wochenenden. Und wenn sie an den Wochenenden nicht auch mit ihren Welt-Unternehmen beschäftigt sind, was tun sie dann? Wie sieht das perfekte Wochenende eines Topmanagers im Winter aus? Kitzbühel? Davos? Opernball? Ich ging dieser Frage nach – bis an die Grenzen der Zivilisation.

Am Stuttgarter Flughafen passen wir noch gut ins Bild, meine beiden Mitreisenden und ich, Wolfgang K. Eckelt, Herausgeber des »Top Career Guide Automotive«. Wir befinden uns unter lauter gut gekleideten Herren in den besten Jahren, jeder das Smartphone im Anschlag und manche etwas aufgeregt – ein Gefühl wie auf Klassenfahrt.

Doch an unserem Zielflughafen in Lappland trennen sich unsere Wege. Die Business People lenken ihre Trolleys zum Transfertreffpunkt Richtung Testfahrt-Zentren. Ich schätze, die meisten gehören zu OEMs oder Zulieferern, die alle dort eigene Testgebiete in Eis und Schnee betreiben. Die Sportsfreunde in Klassenfahrtstimmung haben sicherlich ganz besondere Extrem-Trainings auf Schnee und Eis gebucht und nehmen am AMG Winter Sporting oder der Porsche Ice-Force teil. Dabei werden sie auf zugefrorenen Seen mit ihren Fahrzeugen neue Grenzerfahrungen erleben. Wir haben uns ganz bewusst anders entschieden. Auch wir gehen ans Limit. Aber mit Huskys und Motorschlitten. In unberührter Natur, umgeben von Wildnis und Abenteuer.

Der Fahrer bringt uns zu unserer Wildnishütte im Nirgendwo. Erster Adrenalinkick: Kein Netz! Na gut, das war uns ja klar. Dafür hören wir in der Nähe unsere Buddies für morgen schon heulen, die Huskys. Der Tag beginnt früh, die Morgentoilette fällt männlich-karg aus (ohne fließend warmes Wasser) und das Frühstück ist nicht das, was wir von sonstigen Businessreisen gewohnt sind. Aber genau dadurch haben wir alle dieses »Back-to-the-roots«-Feeling, das Testosteron steigt uns zu Kopf und gut gelaunt sind wir sofort bereit, den ersten Bären oder das erste Rentier zu erlegen.

Gut gerüstet trete ich vor die Tür unserer Hütte und erlebe Erstaunliches: unendliche Stille, Sonne und den frostigen Hauch Lapplands im Gesicht. Das Thermometer zeigt um die minus 20 Grad, also nichts für Warmduscher hier. Der Schnee knirscht, während wir hinüber zu den Hunden gehen. Dort erhebt sich ein ohrenbetäubendes Gejaule, als unser Hundeführer in die Zwinger geht, um die Gespanne fertig zu machen. Die Huskys sind faszinierend schön und äußerst nervös. Sie springen hoch, beißen sich gegenseitig, jaulen und bellen. Und wir erkennen, wir werden ein perfektes Team sein, denn sie sind uns ähnlich: Sie geben immer Höchstleistung, kennen keine »halbe Kraft« und sie wissen, gleich gilt es.

Nach einer kurzen Einweisung finde ich mich schon auf dem Hundeschlitten wieder als Führer meiner Husky-Truppe. Die Geschwindigkeit der Tiere ist beeindruckend, der frostige Wind schneidet in mein Gesicht, meine Hände sind sehr kalt und ich versuche einigermaßen elegant das Gleichgewicht zu halten. So ein Hundeschlitten hat nun mal keine Luftfederung und die verschneiten Wege sind holprig. Nach der ersten Aufregung beim Start sind die Hunde jetzt ganz ruhig, wie Leistungssportler konzentriert auf ihren Lauf. So höre ich nur das leise Knirschen des Schlittens und das regelmäßige Hecheln der Hunde in der unendlichen Wildnis, fernab jeglicher Zivilisation. Die schneebedeckten Bäume fliegen an uns vorbei mit ihren weißen Hauben wie aus Watte und ich bin ganz eins mit der Landschaft und meinem Hunde-Team. Es ist Samstagmittag und während viele gestresst an Supermarktkassen Schlange stehen, gleite ich entspannt mit meinem Gespann durch die schönste Winterlandschaft am Ende der Welt. Ich bin schon sicherer auf meinem Bock und kann schon einige Fahrmanöver gut beherrschen, als die Sonne wieder hinter dem Horizont verschwindet. Am Abend ziehe ich mich in die finnische Sauna zurück, um die weite Stille dieses Tages in mich aufzunehmen.

Der nächste Morgen: Heute wollen wir drehzahlmäßig noch etwas draufsatteln. Die Laune ist bestens, die Luft schwirrt vor Wildnis und Abenteuer und wir sind inzwischen in bester Trapper-Stimmung. Heute geht es mit gut motorisierten Skidoos hinaus. Eisige Weite und knirschende Kälte erwarten uns schon – ein guter Tag, um seine Grenzen kennenzulernen.

Die Einweisung in unseren PS-Protz fällt überraschend kurz aus: »Hier ist das Gas, da die Bremse, mehr muss man nicht wissen!« Während ich noch überlege, es zum Anfang etwas vorsichtiger anzugehen, startet mein Guide durch und zieht lässig davon. Meine beiden Top-Performer lassen sich natürlich auch nicht lumpen und so schieße ich mit Vollgas wie eine Kanonenkugel in die weite Winterlandschaft hinein. Das nenne ich mal unmittelbare Beschleunigung! Es reißt einen fast vom Motorschlitten, denn PS-Zahl und Eigengewicht haben bei diesem Gefährt zugegebenermaßen ein äußerst attraktives Verhältnis. Natürlich lässt im Schnee die Traktion zu wünschen übrig, aber mit der Zeit geht es immer besser – man ist ja schließlich einiges an PS gewöhnt – und die Fahrt wird unfassbar beeindruckend auf speziell präparierten Wegen durch die magische Winterlandschaft.

Mein Fazit: Ich war an den Grenzen der Zivilisation. Und habe mir neue Ziele gesteckt: Ich möchte neue Wege gehen, mehr extreme Fahrerlebnisse im Grenzbereich, mehr Wildnis, mehr Abenteuer, mehr Wochenenden am Polarkreis.