Im Dialog mit Prof. Thomas Edig

Personalvorstand Volkswagen Nutzfahrzeuge

Herr Prof. Edig, die Digitalisierung prägt sowohl die wirtschaftspolitische als auch die unternehmensstrategische Diskussion. Welche Bedeutung hat dieser Megatrend im Nutzfahrzeugbereich
Grundsätzlich bietet die Digitalisierung der Automobilbranche ein hohes Potenzial an Prozessinnovationen, unabhängig davon, ob Personen- oder Nutzfahrzeuge produziert werden. Daneben sind bei Nutzfahrzeugen die Produktinnovationen in diesem Bereich eine riesige Chance, insbesondere auf dem Gebiet alternativer Antriebe. Bei Volkswagen Nutzfahrzeuge treiben wir die Elektrifizierung unseres Portfolios ganz entschlossen voran. Die Digitalisierung ermöglicht uns ganz neue Geschäftsmodelle und Lösungen für unsere Kunden. Das ist Innovation pur und begeistert unsere engagierten Teams jeden Tag!

Steht autonomes und vernetztes Fahren auch auf der Agenda für Nutzfahrzeuge?
Selbstverständlich, denn mit der Digitalisierung ändern sich auch die Mobilitätskonzepte in dieser Branche. Wir wandeln uns daher von einem reinen Hardware-Anbieter zu einem Unternehmen, welches Hardware, Software und Services in einem integrierten Mobilitätskonzept anbieten wird.

Wie spiegelt sich Digitalisierung in der Unternehmensstrategie der Marke Volkswagen Nutzfahrzeuge wider?
Sowohl auf der Unternehmensebene als auch in den Fachbereichen ist  die Digitalisierung fester Bestandteil unserer Zukunftsstrategie. Ein stetiges Spannungsfeld besteht darin, das heutige Geschäft weiterzuentwickeln und zugleich neue, innovative und disruptive Wege zu gehen. Einerseits ist die Optimierung heutiger Geschäftsmodelle von großer Bedeutung, um produktiver und effizienter zu werden. Andererseits können wir uns nicht auf bestehenden Geschäftsmodellen ausruhen, sondern müssen diese erweitern, beispielsweise
in Form digitaler „Smart Mobility“-Transportlösungen.

Haben Sie dafür – wie in vielen anderen Automobilunternehmen – auch ein Digitales Lab im
Silicon Valley eröffnet?
Volkswagen hat viele Digitale Labs, etwa in Berlin, München und natürlich auch im Silicon Valley.

Dann profitieren Sie von Ressourcen im VW-Konzern?
Durch eine gemeinsame Nutzung dieser Digitalen Labs werden natürlich konzernweit Synergien gehoben. Allerdings bauen wir für die Zukunftsfelder Smart Mobility und Mobile Online Dienste für Volkswagen Nutzfahrzeuge in Hannover und Berlin eigene schlagkräftige Einheiten auf, die speziell unser Kerngeschäft fokussieren.

Stichwort „Arbeitswelt 4.0“. Für eine erfolgreiche digitale Transformation benötigen Sie entsprechende Mitarbeiter und Agilität in der Organisation. Wie ist Ihr Bild von der digitalen Arbeitswelt von morgen?
Mit dem Einsatz von Robotern in der Produktion und Montage können erhebliche Entlastungen an vielen Arbeitsplätzen realisiert werden. Die Anzahl ergonomisch schwieriger und körperlich belastender Arbeitsplätze lässt sich merklich reduzieren. So kann die künftige Industriearbeit deutlich menschengerechter und humaner gestaltet werden. Zudem erwarten wir einen Rückgang taktgebundener Arbeit und repetitiver Tätigkeiten. Dagegen steigt der Bedarf an qualifizierter Arbeit, da steuernde und regelnde Tätigkeiten zunehmen werden. Künftig benötigen Facharbeiter neben klassischem Mechanik-Wissen auch zunehmend fundierte IT- und Elektronik-Kenntnisse.

Das heißt, wir werden in Zukunft keine menschenleeren Fabriken bei Volkswagen Nutzfahrzeuge sehen?
Nein, davon kann aus unserer Sicht keine Rede sein. Mit der digitalen Transformation verschwinden zwar einerseits Arbeitsplätze, indem durch die Automatisierung die Anzahl repetitiver Tätigkeiten reduziert wird. Wir haben allerdings heute die einmalige Chance, diese Transformation proaktiv zu gestalten, weil uns die sogenannten Babyboomer-Jahrgänge altersbedingt nach und nach verlassen werden. Andererseits werden mit der Digitalisierung der Arbeitswelt auch neue Jobs geschaffen, die neue Anforderungen an die Aus- und Weiterbildung stellen. Die Grenzen zwischen Facharbeitern und Meistern sowie Meistern und Ingenieuren werden zunehmend unschärfer. Daher müssen wir weiterhin zielgerichtet fortbilden und qualifizierte Fachkräfte ausbilden.

Hier schließt sich nun der Kreis zum Personalmanagement.
Welchen Beitrag kann HR im digitalen Wandlungsprozess leisten?
Ein solcher Beitrag beginnt mit der Digitalisierung der eigenen Prozesse. Wir analysieren unsere Wertschöpfungskette und diskutieren neue Ansätze zu Shared Services, digitalen Workflows sowie E-Recruiting. Aber wir sind als Personalfunktion nicht nur Anwender der digitalen Technologie im eigenen Bereich, sondern wir verstehen uns als wichtiger Treiber der Transformation und Gestalter des Kulturwandels bei VW Nutzfahrzeuge.

Künftig benötigen Facharbeiter neben klassischem Mechanik-Wissen auch zunehmend fundierte IT- und Elektronik-Kenntnisse.

Das heißt, HR übernimmt die Rolle des „Change Agents“?
Ja, das ist unser Anspruch, denn zukünftig werden Kompetenzen in der Beratung und im Coaching unserer Mitarbeiter notwendig, um diese bei der Bewältigung des Wandels, bei ihrer beruflichen Ausrichtung in flachen Hierarchien oder bei der Gestaltung der letzten Abschnitte ihres Berufslebens zu begleiten. Schließlich haben auch wir großen Unterstützungsbedarf bei der Ressourcentransformation und bei der Entwicklung agiler Arbeitsorganisationen. Um diese Herausforderung zu bewältigen, bauen wir im Personalbereich Kompetenzen im Veränderungsmanagement auf.

Bei Veränderungen rücken immer die Mitarbeiter in den Fokus.
Wie nehmen Sie die Belegschaft auf die „digitale Reise“ mit?

Wir stellen uns dem Wandel und kommunizieren sehr klar mit unserer Mannschaft. Dafür benötigen wir verständliche Informationen und anschauliche Beispiele, damit der Wandel für die Mitarbeiter anfassbar wird. Auf unserem sogenannten „Technologiepfad“ zeigen wir unseren Führungskräften und Mitarbeitern an ganz konkreten Beispielen in der Fabrik, an welchen Stellen wir innovative Technologien im Einsatz haben oder pilotieren. Das rückt diese Themen in die Normalität und nimmt Berührungsängste.

Sie erwähnten bereits die wachsende Bedeutung der Aus- und Weiterbildung im Zuge des Transformationsprozesses. Was muss sich ändern?
Mit dem digitalen Wandel sind für jeden Einzelnen persönliche und berufliche Chancen verbunden. Diesen Hebel nutzen wir. Im Rahmen unserer strategischen Personalplanung analysieren wir die Qualifizierungsbedarfe, damit jeder eine Chance bekommt, sich weiter zu entwickeln und zu wachsen. Insgesamt schaffen wir ein Arbeitsumfeld, welches die Mitarbeiter bei der Entwicklung und Anwendung ihrer digitalen Kompetenzen im täglichen Arbeitsprozess unterstützt. Da-
her arbeiten wir mit allen modernen Medien, ermöglichen Freiräume für kreatives Arbeiten, experimentieren mit Open-Space-Welten und haben immer mehr Mitarbeiter, die ihr Home Office nutzen.

Welche Rolle spielen die Führungskräfte im Transformationsprozess?
Führungskräfte sind der Dreh- und Angelpunkt einer erfolgreichen digitalen Transformation, denn Wandel muss man täglich gerne erleben und als Vorbild vorleben. In Zeiten von disruptivem Wandel und großer Unsicherheit braucht es Leader, die Zahlen, Daten, Fakten beherrschen und – ganz wichtig – Leader, die gerne mit Menschen und Emotionen arbeiten. Exzellente Leader können situationsgerecht führen – in der Regel transformational, aber, wo erforderlich, auch transaktional.

Wie unterstützen Sie Ihre Führungskräfte bei dieser Aufgabe?
Sie werden bei uns in strategische Prozesse einbezogen und wir öffnen den Blick in die Zukunft. Wir führen permanent Management-Konferenzen, Informationstreffen, Dialogveranstaltungen oder Kaminabende zu Zukunftsthemen durch. Hier geht es um Information, Anregung und Austausch. Zudem überarbeiten wir in der Führungskräfteentwicklung ständig die Anforderungen und Programme. Wir arbeiten mit der Hochschule St. Gallen ganz intensiv an Schlüsselthemen wie transformationaler Führung und Purpose. Mit der HEC Paris haben wir internationale Führungsprogramme gestartet zu Themen wie Kundenorientierung, Innovation und Leadership. Schließlich müssen wir auch kritisch hinterfragen, wie weit es mit unserer IT- und Medienkompetenz her ist. Da können wir von unseren Azubis und dualen Studenten sicher noch etwas lernen.