Im Dialog mit Martin Daum

Vorstandsmitglied der Daimler AG, verantwortlich für Daimler Trucks & Buses

Herr Daum, was fasziniert Sie eigentlich an Lkw und Bussen?
Was mich schon immer begeistert hat, ist die enorme Bedeutung dieser Fahrzeuge, die man gar nicht überschätzen kann. Ohne Lkw stünde unsere Welt still, es würde sich kaum noch etwas bewegen: Fabriken könnten nicht mehr arbeiten, Supermarktregale blieben leer und auch Online-Bestellungen würden nicht mehr funktionieren.

Ohne Busse kämen die Menschen nicht zur Arbeit, nicht an ihren Urlaubsort, nicht zu ihren Freunden und auch nicht zu ihren Familien. Das ist das eine, was mich jeden Tag mit Stolz an die Arbeit gehen lässt. Das andere ist die Aufgabe, uns konsequent auf unsere Kunden auszurichten. Wir müssen unseren Kunden – egal ob Spedition oder Verkehrsbetrieb – die Produkte liefern, die sie brauchen, um ihre Arbeit erfolgreich zu erledigen.
Nur dann können wir auch selbst erfolgreich sein.

Daimler und andere Hersteller konzentrieren sich auf vier Zukunftstrends: das Teilen, Vernetzen, Automatisieren und Elektrifizieren von Fahrzeugen. Welche Rolle spielen diese Technologien bei Nutzfahrzeugen für die Wettbewerbsfähigkeit von morgen?
Beginnen wir mit dem Teilen. Das gibt es bei Lkw schon seit vielen Jahrzehnten und nennt sich Spedition. Auf dem Weg von A nach B transportiert eine Spedition Güter von Kunde X und auf dem Rückweg von B nach A hat sie Waren von Kunde Y geladen. Transportkapazitäten zu optimieren, indem man sie auf mehrere Kunden verteilt, ist für eine Spedition das Normalste von der Welt. Das muss sie tun, sonst verschenkt sie Geld. Unsere Aufgabe ist es, diesen Kunden zu helfen, dabei jeden Tag noch ein bisschen besser zu werden.

Welche Bedeutung hat dabei die Vernetzung?
Hier ist ein Aspekt ganz wichtig: Ein Lkw ist ein Investitionsgut und unsere Kunden wollen und müssen dieses Investitionsgut optimal nutzen. Vernetzung kann ihnen hierbei ganz erheblich helfen. Ein Lkw, der über unseren Dienst Mercedes-Benz Uptime vernetzt ist, sendet kontinuierlich Daten. Und zwar in Echtzeit. Das heißt: Er kann technische Pro-
bleme melden, ehe sie akut werden.

Damit können wir Pannen vermeiden, was die Verfügbarkeit eines Lkw ganz erheblich erhöht. Für unsere Kunden ist das bares Geld. Übrigens: Dienste wie Mercedes-Benz Uptime können wir recht schnell rund um den Globus ausrollen und auch bei unseren Bussen einsetzen.

Wie machen Sie solche Innovationen so schnell international verfügbar?
Indem wir bei unseren Lkw eine globale Plattformstrategie verfolgen, die wir auch schon weitgehend um-
gesetzt haben. Das heißt: Wir haben als Daimler Trucks zwar verschiedene Marken in verschiedenen Regionen –
Freightliner, Western Star und Thomas Built Buses in Nordamerika, Mercedes-Benz in Europa und Brasilien und FUSO sowie BharatBenz in Asien.

Aber über diese verschiedenen Marken und Regionen hinweg nutzen wir Standard-Technologien, beim Antriebsstrang oder eben auch bei der Elektrik/Elektronik. Das verschafft uns Geschwindigkeits- und Größenvorteile. Weltweit haben wir inzwischen mehrere hunderttausend Lkw vernetzt und überall – in Nordamerika, Europa, Asien – verfügen unsere neuen schweren Lkw nun über ein und dieselbe Daten-Schaltzentrale: unser sogenanntes Truck Data Center.

Gibt es auch Synergien zwischen Lkw und Bus über die Vernetzung hinaus?
Ja, absolut. Für unsere elektrischen Lkw beispielsweise haben wir in einem ersten Schritt wichtige Komponenten wie die E-Antriebsachse von unseren elektrischen Bussen übernommen.

Stichwort Elektrifizierung – wie steht es um die E-Mobilität von Nutzfahrzeugen?
Grundsätzlich gilt: Die Lasten, die Lkw und Busse bewegen müssen, sind um ein Vielfaches größer als bei Pkw. Des-
halb sind auch die Anforderungen an den Antrieb um ein Vielfaches größer. Busse und Lkw auf Fernstrecken batteriegetrieben über mehrere hun-
dert Kilometer zu bewegen, und zwar bei jedem Wetter und bei jeder Ver-
kehrslage – das ist aus unserer Sicht heute noch sehr herausfordernd. Wir sehen den Elektro-Antrieb zunächst bei kürzeren und vor allem planbaren Strecken und sind hier auch schon sehr weit.

Was heißt das genau?
2017 haben wir unseren FUSO eCanter vorgestellt, den ersten vollelektrischen Lkw aus Serienproduktion – und zwar für die komplette Triade Nordamerika, Europa und Japan. In Nordamerika entwickeln wir zudem elektrische Lkw unserer Marke Freightliner und einen elektrischen Schulbus zur Serienreife. In Europa erproben wir einen schweren Verteiler-Lkw bei ausgewählten Kunden: unseren Mercedes-Benz eActros. Und besonders stolz bin ich auf unseren Stadtbus Mercedes-Benz eCitaro, den wir seit Herbst vergangenen Jahres in Serie produzieren und in dem wir hier heute sitzen.

Was ist denn das Besondere am eCitaro?
Ganz einfach: dass er ein echter Mercedes ist, ein absolut ausgereiftes Produkt. Unsere Kunden haben an unsere elektrischen Lkw und Busse nämlich dieselben hohen Erwartungen wie an alle unsere Nutzfahrzeuge. Das gilt hinsichtlich Qualität, Service, Garantie, Ersatzteile etc. Diesen Standard müssen wir auch mit unseren Elektro-Modellen liefern – und genau das tun wir mit unserem eCitaro. Zu 100 Prozent.

Wie erklärungsbedürftig ist so ein neuer Elektro-Bus denn für Ihre Kunden, die Kommunen?
Natürlich stellen sich unseren Kunden beim Umstieg auf E-Busse zahlreiche Fragen – etwa: Kann eine elektrische Flotte das bestehende Streckennetz abdecken? Können alle Busse auf einmal geladen werden? Oder wie funktioniert die Wartung beim Elektro-Bus?

Mit diesen Fragen lassen wir sie nicht allein. Wir unterstützen unsere Kunden beim Umstieg und haben dafür einen neuen Bereich eMobility Consulting gegründet, der gemeinsam mit ihnen die betrieblichen Abläufe analysiert und Fahrzeugkon-
figuration sowie Ladeinfrastruktur optimal auf Strecken, Takte, Topografie und benötigte Reichweite abstimmt. Wir helfen auch noch bei vielen weiteren Themen, etwa bei den notwendigen IT-Systemen und dem Energiemanagement.

Es ist unser Anspruch, für unsere Kunden ein Partner zu sein, mit dem sie den Wechsel zur Elektromobilität so reibungslos wie möglich bewältigen können.

Wie geht’s beim eCitaro weiter?
Sehr dynamisch. Die Batterietechnologie entwickelt sich rasant weiter und wir wollen unseren Kunden stets die beste Lösung bieten. Hierfür haben wir eine klare Strategie. Heute nutzt unser eCitaro eine Batterie aus Lithium-Nickel-Mangan-Kobalt-Oxid-Zellen – kurz NMC. Schon 2020 wird unser eCitaro die nächste NMC-Generation an Bord haben – oder wahlweise auch eine Feststoffbatterie, die sich durch Langlebigkeit und hohe Energiedichte auszeichnet. Kurz darauf folgt dann eine Brennstoffzelle als Range Extender. Wir bieten unseren Kunden einen klaren Fahrplan in die Zukunft und decken mit einer immer größeren Reichweite immer mehr Strecken ab.

Kommen wir zum Megatrend Automatisierung – inwieweit gibt es auch hier Besonderheiten bei Nutzfahrzeugen?
Hier kommt ein Aspekt zum Tragen, den wir uns bei unseren Lkw immer wieder vergegenwärtigen müssen: die besondere Verantwortung, die wir in Sachen Sicherheit haben. Ein Lkw bewegt bis zu 40 Tonnen und wenn uns hier ein Fehler unterläuft, kann das gravierende Folgen haben. Bevor wir ein System auf die Straße bringen, erproben wir es deshalb ausgiebig in den Labors unserer internationalen Forschungs- und Entwicklungsstandorte und im Test-Betrieb über viele Millionen Straßen-Kilometer.

Und wie kommen Sie bei dieser Technologie voran?
So, wie unsere Kunden das von uns gewohnt sind: Wir liefern, was wir angekündigt haben – und zwar Schritt für Schritt. Bei der Nutzfahrzeug IAA 2014, also vor fast fünf Jahren, haben wir unsere Vision vom autonomen Fahren gezeigt – mit dem Mercedes-Benz Future Truck 2025. Ein Jahr später, 2015, haben wir in den USA den Freightliner Inspiration Truck vorgestellt, den ersten automatisierten Lkw mit Straßenzulassung. Jetzt, 2019, bringen wir in Europa und Nordamerika teilautomatisierte Lkw auf die Straße: Unser neuer Mercedes-Benz Actros und unser neuer Freightliner Cascadia kann selbstständig beschleunigen, bremsen und die Spur halten. Damit unterstützen wir den Fahrer ganz wesentlich und machen den Straßenverkehr spürbar sicherer.

Was können wir hier als Nächstes von Daimler Trucks erwarten?
Unser nächstes Ziel sind hochautomatisierte Lkw, die auf großen Highways unterwegs sind, um Waren zwischen Logistikzentren zu transportieren – und zwar ohne dass ein Fahrer eingreifen muss. Wenn ich „Highways“ sage, merken Sie schon, dass wir diese Technologie zunächst vor allem in den USA sehen. Wegen der großen Entfernungen ist dieser Markt dafür prädestiniert. Hochautomatisierte Lkw können quasi rund um die Uhr im Einsatz sein, erhöhen also die Produktivität und senken die Kosten für unsere Kunden deutlich.

Es fällt auf, dass Sie immer wieder auf Ihre Kunden zu sprechen kommen.
Natürlich, denn unsere Kunden sind, wie eingangs schon erwähnt, Ausgangs- und Endpunkt all unseres Handelns. Nichts funktioniert, wenn es nicht vom Kunden her gedacht und gemacht ist. In unserer Strategie-Matrix hat der Kundenfokus
eine zentrale Position, als Bindeglied für alle anderen Handlungsfelder.