Im Dialog mit Jens Monsees

Vice President Digital Strategy BMW Group

autonomes Fahren

Konnektivität

Elektromobilität

Services

Die Automobilbranche befindet sich im Umbruch: Vernetzte Autos, autonomes Fahren und alternative Antriebe stellen die Hersteller vor große Herausforderungen. Wie sieht der Weg der BMW Group in die Zukunft aus?
Wir haben mit unserer Unternehmensstrategie NUMBER ONE > NEXT die zentralen Zukunftsfelder für die BMW Group definiert. Die digitale Transformation ist hier ein ganz wesentlicher Aspekt auf dem Weg zur emissionsfreien und vernetzten Mobilität der Zukunft. Für uns steht dabei der Kunde im Mittelpunkt all unserer Überlegungen.

Aus Sicht der BMW Group spielen in Zukunft vor allem vier Kernthemen, die sogenannten ACES, eine entscheidende Rolle: autonomes Fahren, Konnektivität, Elektromobilität und Services, dazu gehören auch Sharing-Angebote.

Schon heute bieten wir unseren Kunden sowohl Premium-Produkte als auch maßgeschneiderte Services an. Zukünftig können Sie selbst entscheiden, ob Sie am Steuer sitzen oder gefahren werden wollen. Das kann dann zum Beispiel so aussehen, dass Sie mit Ihrem BMW auf einem kurvenreichen Alpenpass die Freude am Fahren genießen, während Sie sich in der Stadt auf dem Weg zur Arbeit autonom durch den Stau fahren lassen, am Morgen schon mal Ihre E-Mails checken oder abends entspannt einen Film anschauen.

Die Digitalisierung verändert das Thema Mobilität: Wie weit sind Sie auf dem Weg vom traditionellen Automobilhersteller hin zum Mobilitätsanbieter?
Die BMW Group ist auf ihrem Weg zur Mobility Tech Company schon ein gutes Stück vorangekommen. Schon seit 2011 bieten wir mit dem Carsharing-Unternehmen DriveNow stationsunabhängiges Carsharing in inzwischen 12 europäischen Metropolen an. Die Fahrzeuge können innerhalb eines definierten Geschäftsgebietes stationsunabhängig angemietet und wieder abgestellt werden. Über eine Million registrierte Kunden finden und reservieren die Fahrzeuge über die DriveNow-App und können den Service städteübergreifend nutzen. An allen Standorten stehen den Kunden auch elektrische BMW i3 zur Verfügung.

Mit ParkNow und Parkmobile offerieren wir ticket- und bargeldloses Parken am Straßenrand oder das Reservieren und Bezahlen von Parkplätzen in Parkhäusern. In Europa und Nordamerika erreicht Parkmobile schon heute insgesamt mehr als 22 Millionen Kunden und bietet digitale Parklösungen in mehr als 1.000 Städten an. Der innovative, digitale Parkdienst reduziert die Dauer von Fahrten, die Menschen für die Parkplatzsuche aufwenden, und verringert damit das Verkehrsaufkommen signifikant. Denn der Parksuchverkehr macht heute etwa 30 % des Stadtverkehrs aus.

Mit ChargeNow und Digital Charging Solutions ermöglichen wir Autofahrern einen einfachen Zugang zum größten Netz an öffentlichen Ladestationen mit mehr als 197.000 Ladepunkten weltweit. Zusammen mit privilegierten Parkplätzen in den Städten unterstützt dies den Ausbau der Elektromobilität. Es ermöglicht den Menschen, Elektromobilität leichter in ihre Mobilitätsbedürfnisse zu integrieren.

Was steht als nächstes auf der Agenda?
Der Wandel unserer Industrie bietet uns die Chance, das mobile Leben unserer Kunden einfacher, sicherer und komfortabler zu gestalten. Außerdem können wir damit auch ganz neue Kundengruppen für innovative Dienstleistungen begeistern. Schritt für Schritt wandeln wir uns so vom Automobilhersteller und Anbieter von Dienstleistungen zur Tech Company für Premiummobilität und Premiumservices. Entsprechend liegt der Fokus der digitalen Transformation auf den Schwerpunkten digitales Kundenerlebnis, vernetztes und autonomes Fahren sowie den Geschäftsprozessen.

Darüber hinaus werden Kooperationen – und dazu zählen auch Industrieübergreifende Kooperationen – immer wichtiger, um im weltweiten Wettbewerb bestehen zu können. Ein Beispiel ist unsere Beteiligung an HERE, dem führenden Anbieter von hochpräzisen Karten und ortsbezogenen Diensten. Digitale Echtzeit-Karten sind die Basis für die Mobilität von morgen, von Gefahrenwarnungen bis hin zum autonomen Fahren.

Der BMW iNEXT ist der nächste große technologische Innovationsträger der BMW Group. Mitte September 2018 haben wir mit dem BMW Vision iNEXT eine erste Idee davon vorgestellt. Dieses Fahrzeug der Zukunft verbindet autonomes Fahren, Vernetzung, Elektrifizierung und Services zu einem überzeugenden Gesamtkonzept. Das Design verleiht den Innovationsfeldern Gestalt und macht die neuen Technologien für unsere Kunden noch stärker erlebbar.

Der BMW iNEXT verdeutlicht: Die Technik gibt dem Menschen nicht weniger Freiheit – sondern mehr Raum. Deshalb haben wir das Fahrzeug von innen nach außen konzipiert mit dem Leitgedanken „My Favourite Space“. So erleben die Insassen ein völlig neues Mobilitätsgefühl.

Wie gelingt es, im Zeitalter der Digitalisierung den Spagat zu schaffen zwischen evolutionärer Weiterentwicklung Ihres Geschäftsmodells und neuen, disruptiven Konzepten?
Zunächst ist ja entscheidend, dass wir die Wünsche und Erwartungen unserer Kunden mit innovativen Ideen erfüllen und übertreffen. Mit Data Analytics und dem Internet der Dinge (IoT) haben wir nun die Möglichkeit, viel früher zu verstehen, was der Kunde wirklich braucht und will. Datengestützte Analysen und künstliche Intelligenz bieten die Basis für eine Entwicklung von Produkten und Services, die komplett vom Kunden her gedacht sind. Ein Beispiel ist die Entwicklung unseres neuen Sprachassistenten, mit dem der Fahrer in Zukunft mit seinem Auto per Sprach-
befehl in Dialog treten kann, ganz ähnlich wie bei Amazons Alexa oder Siri aus der Apple-Welt. Dabei lernt der Assistent Abläufe und Routinen, Vorlieben und bevorzugte Einstellungen, also z. B. den Weg nach Hause oder die bevorzugte Temperatur im Wagen. Das Sprach-Interface mit einer Menge intelligenter Technologie ist ab März 2019 in den ersten Fahrzeugen verfügbar und soll später auch über das Handy und einen Smart Speaker zu Hause einsetzbar sein.

Auf unserem Weg der digitalen Transformation ist es für uns auch ganz zentral, mit anderen Playern zusammenzuarbeiten und themenbezogen Allianzen einzugehen. Das können dann fallweise auch Allianzen mit anderen OEMs sein, mit denen wir uns in bestimmten Geschäftsfeldern wie beispielsweise dem Ausbau der Ladeinfrastruktur zusammentun, während wir bei anderen weiter im Wettbewerb stehen. Digitale Systeme sind kritische Masse-Systeme, je mehr Menschen unsere Dienste nutzen, desto mehr können wir individualisieren, desto mehr lernen wir über die Bedürfnisse der Kunden.

Digitalisierung ist bei der BMW Group bewusst auch nicht in einem eigenen Ressort oder bei einer einzelnen Person angesiedelt – sie ist ein gesamtunternehmerischer Ansatz, der alle Fasern des Konzerns durchdringt. Das ist spürbar an jeder Stufe der Wertschöpfungskette, von der Entwicklung über die Produktion, das Marketing und den Vertrieb bis hin zu neuen Geschäftsmodellen wie On Demand Mobility. Es ist wichtig zu verstehen, dass es bei Digitalisierung um mehr als nur um Technologien geht. Es geht um eine Veränderung unseres Arbeits- und Lebensstils. Wenn wir bereit sind, Neues zu lernen, deutlich schneller zu agieren und über Ressortgrenzen hinweg optimal zusammenzuarbeiten, bleiben wir auch im digitalen Zeitalter erfolgreich.

Es ist wichtig zu verstehen, dass es bei Digitalisierung um mehr als nur um Technologien geht

Wie schaffen Sie es, die richtigen Talente für das Unternehmen zu gewinnen?
Die BMW Group ist ein attraktiver Arbeitgeber. Im alljährlichen Ranking der World’s Most Admired Companies von Forbes hat die BMW Group wiederholt hervorragende Plätze belegt. 2018 war sie nicht nur das beste deutsche, sondern sogar das beste europäische Automobilunternehmen im Ranking. Führend sind hier Unternehmen wie Apple, Amazon und Alphabet. Hier konkurrieren wir um die besten Talente. Umso mehr freut es uns, dass wir bei Umfragen zur Arbeitgeberattraktivität bei den IT-Nachwuchskräften immer wieder auf den vorderen Plätzen landen. Natürlich gehört dazu auch, die jungen Leute dort anzusprechen, wo sie zu Hause sind, also in den sozialen Medien. Hier ist die BMW Group sehr aktiv.

Im Rahmen unserer Strategie NUMBER ONE > NEXT haben wir strategische Zukunftsfelder definiert, zu denen z. B. Elektromobilität, künstliche Intelligenz, autonomes Fahren oder auch Data Analytics gehören. In diesen Feldern haben wir neben der Qualifizierung bestehender Mitarbeiter seit 2016 jedes Jahr etwa 1.000 Mitarbeiter neu eingestellt. Mehr
als zwei Drittel der Einstellungen entfallen davon auf IT-Spezialisten.

Neue Einsatzgebiete in der Automobilbranche wie Smart Logistics, Additive Manufacturing, DataAnalytics oder künstliche Intelligenz bieten digitalen Talenten spannende Aufgaben, um die individuelle Mobilität der Zukunft zu gestalten. Nehmen wir zum Beispiel den Bereich des automatisierten Fahrens. Hier brauchen wir heute mindestens so viele IT-Mitarbeiter wie
Ingenieure. Stark wachsende Fokusfelder für die BMW Group sind unter anderem Data Management, Data Architecture, Künstliche Intelligenz oder Robotics. Im März 2018 wurde in Unterschleißheim (bei München) der Autonomous Driving Campus eröffnet, wo 1.500 IT-Spezialisten Software entwickeln – und das in völlig anderen Arbeits- und Organisationsformen als an anderen Standorten. Neue Arbeitswelten von den Räumlichkeiten bis zu Scrum-Methoden und Design Thinking unterstützen und fördern Kreativität, Vernetzung und Agilität.

Welche Rahmenbedingungen brauchen Sie in Deutschland und Europa, um im Ringen um neue Mobilitätskonzepte nicht den Anschluss zu verlieren?
Die Automobilindustrie ist in Deutschland die innovativste Branche überhaupt, sie meldet die meisten Patente an – und das schon seit Jahren. Um die Attraktivität Deutschlands als Wirtschaftsstandort langfristig zu sichern, ist ein breites, funktionierendes Bildungs- und Forschungssystem eine wesentliche Voraussetzung. Hier müssen Politik und Industrie konsequent an einem Strang ziehen, um die Rahmenbedingungen für Innovationen in Deutschland weiter zu verbessern.

Der Gesetzgeber muss jetzt eine gestaltende Rolle bei der Schaffung wettbewerbsfähiger Rahmenbedingungen einnehmen. Ohne zentrale politische Impulse und regulatorische Weichenstellungen wird Europa als Standort für digitale Geschäftsmodelle gegenüber den USA und Asien nicht bestehen können. Neue Tech Player aus dem Silicon Valley, aber auch aus China treten in Konkurrenz zur etablierten Automobilindustrie. Am Ende werden sich bei den veränderten Kundenanforderungen – vor allem dem Wunsch, die digitale Lebenswelt mit ins Auto zu nehmen – diejenigen durchsetzen, die diesen Wandel aktiv treiben.