G-Force

DRIVING EXPERIENCE / Mercdes Benz

Die Welt um uns hat sich in den letzten drei Jahrzehnten dramatisch verändert – nicht aber der Blick auf dieselbe vom Steuer der Mercedes G-Klasse: Wer in diesem “Über-Stock-und-Stein-und-überhaupt-Geländewagen” sitzt, spürt die Kraft “über den Dingen”.

Der Weg zum Erfolg ist lang und steinig. Man sollte ihn also im richtigen Auto antreten. Nun ist die G-Klasse 35 Jahre alt geworden. Und ist eine Ikone – aber heute ganz anders als damals. Wühlt sich nicht nur durchs Gelände, sondern ist auch als starkes Lifestyle-Mobil unterwegs. Wolfgang K. Eckelt über Paradigmenwechsel, Geröllhalden und die Gesetze der Schwerkraft. Und über noch ein paar andere Sachen.

Donnerstagnachmittag
Das GPS zeigt 47° 12’ 4” Nord, 15° 28’ 32” Ost. Es ist ein strahlend schöner Novembertag. Wäre es ein strahlend schöner Januartag gewesen, hätte sich ein weit schlimmeres Szenario entwickelt: Wegen der im Winter gewöhnlichen Minusgrade und der Fülle an Schnee wäre mein Besuch bei Magna Steyr – Produzent der legendären G-Klasse – und der Ausflug zum 1.445 Meter hohen Schöckl sowie das Kennenlernen von Dr. Gunnar Güthenke, seit 2014 Geschäftsführer der Mercedes-Benz G GmbH, wohl noch eindrucksvoller ausgefallen.

Die G-Klasse gefiel mir schon damals, als sie vor über drei Jahrzehnten vorgestellt wurde. Sie war groß und eckig und damals sprach man auch noch gar nicht von »SUVs«, sondern von »Geländewagen«, und dafür stand und steht das »G«. Ich war damals 18 Jahre alt und man fuhr in Stuttgart nicht G-, sondern E-Klasse (damals noch Baureihe 123) oder gar S-Klasse. Die G-Klasse von früher, so wie ich sie kannte, war in diesem typischen Grün, Mattgrün, innen karg mit einem ganz rustikalen Armaturenbrett aus Vollplastik und der Förster – den ich auch kannte – fuhr mit dem Wagen auf die Schwäbische Alb, was für mich die nächstgelegene Art von Gelände darstellte.

Inzwischen ist das G-Modell über die Jahre leicht modifiziert worden, heißt mittlerweile offiziell G-Klasse und ist die dienstälteste Mercedes-Modellreihe und quasi die Mutter aller SUVs, vielfach verknüpft mit Geschichte und Gegenwart: Gewinner der Rallye Paris-Dakar 1983, Papstmodell mit kugelsicherer Plexiglashaube, Einsatzfahrzeug für Streitkräfte, Feuerwehren, Katastrophenschutz überall auf der Welt – und für die UNO. Außerdem Dienstfahrzeug für Förster, Jäger und das, was Lifestyle-Magazine gerne »Globetrotter« nennen. Kurz: Die G-Klasse sieht heute noch fast so aus wie vor 35 Jahren, obwohl kaum eine Schraube mehr gleich ist und die Technik natürlich in regelmäßigen Zyklen optimiert wurde.

Man kann viel über ein Auto lesen, man kann Fotos anschauen, aber die tatsächliche Wirkung tritt erst ein – wenn man davorsteht, und dies gilt nun besonders für die G-Klasse. Denn dieses Fahrzeug wirkt wie ein Monolith in seiner unverwechselbaren, kantigen Form.

Bei der Entwicklung dieser Form, so heißt es, habe der Gedanke Pate gestanden, dass auch ein begabter Dorfschmied in den Karpaten in der Lage sein sollte, im Bedarfsfall Ersatzbleche anzufertigen.

Der erste Eindruck innen hat nichts mehr mit dem Spartanischen von einst gemein: Man sieht poliertes Wurzelholz, Leder – und Armaturenbrett und Mittelkonsole sind voller prächtiger Gimmicks: ein gewaltiges Infotainmentsystem beherrscht das Cockpit, mit Bluetooth-Freisprecheinrichtung und mp3-Anschluss, bedienbar über das Multifunktionslenkrad, selbstverständlich mit DVD-Wechsler, Sprachsteuerung, Festplatten-Navigation und einem speziellen Offroad-Menü. Nicht dass ich irgendwas davon bedienen könnte. Oder müsste. Denn am Steuer sitzt ja Gunnar Güthenke. Wichtig ist nur: Man könnte, wenn man müsste. Und das Ganze sieht erstklassig aus. Die Sitze sind wie Armlehnensessel, ohne die etwas übertriebene Seitenfixierung der S-Klasse, und der Motor – ein Achtzylinder mit permanentem Allradantrieb und 7-Gang-Automatik – brabbelt und röchelt wie ein Supersportwagen.

Dr. Gunnar Güthenke, Geschäftsführer, Mercedes-Benz G GmbH

Fest steht:
Ich mag inzwischen wissen, was eine Gelände-Untersetzung oder eine Zahnstangenlenkung ist, aber im Gegensatz zu früher findet sich die G-Klasse fast so oft wie die S-Klasse am Killesberg, dem steigungsreichen Villenquartier des noblen Stuttgart. Hier scheint es so, als wären nicht Gletscher und Geröllhalden das Terrain, wo die G-Klasse zu Hause ist, sondern jene Gegenden mit blickdichten Hecken und diskret verborgenen Kameras. Hier bewältigt die G-Klasse neben der M- und GL-Klasse die täglichen Anforderungen der Stuttgarter Kessellage und des Großstadtdschungels zwischen Schule und Bio-Supermarkt. Wobei ich hier nochmals darauf hinweisen möchte, dass die G-Klasse ja gar nicht wirklich zu den SUVs gehört – das wäre die M-Klasse oder die GL-Klasse, die ursprünglich als Nachfolger für das G-Modell konzipiert wurde, bevor man sich entschied, die in Graz seit Februar 1979 produzierte G-Modellreihe aufgrund des anhaltenden Erfolgs weiter zu produzieren.

Die Wiege der G-Klasse erinnert an eine Manufaktur. Schlosser, Mechaniker, Elektriker, fast alle von ihnen sind seit Beginn der Produktion 1979 dabei. 2014 war nun das bisher erfolgreichste Verkaufsjahr, mit einem unglaublichen Zuwachs von 20 Prozent im Vergleich zu 2013. Mehr als 14.000 G-Karossen verließen das Werk, weitestgehend in Handarbeit gefertigt. Die G-Klasse ist beliebter denn je. Dr. Gunnar Güthenke meint dazu: »Um bei der G-Klasse die stetig steigende Nachfrage unserer Kunden zu bedienen, haben wir die Produktionskapazitäten erweitert. Beste Voraussetzungen, um eine einzigartige Erfolgsgeschichte des Klassikers fortzuschreiben.« Die G-Klasse hat also in vielen Punkten einen Sonderstatus; sie bildet quasi den Genpool für die Mercedes-SUVs – und die anderer Hersteller.

Die Teststrecke enthält alles, was der Geländefreund sich wünscht: Halsbrecherische Steigungen von bis zu 100 Prozent wie auch Abschnitte, die bei einer Seitenneigung von bis zu 40 Prozent das Adrenalin ins Blut schießen lassen. Gut drei Kilometer der Strecke werden als »Schlechtweg« bezeichnet. Aus meiner Sicht eine eher dezente Umschreibung für Offroad-Gelände, das kaum ein Durchkommen zuzulassen scheint. Hier ragen Felsblöcke und Baumwurzeln aus der Piste, Spurrillen machen das Lenken fast unmöglich und Steine, Geröll sowie lockeres Gestein sorgen nicht gerade für gute Traktion in der Steigung. Mit einem etwas flauem Gefühl in der Magengegend sehe ich der Herausforderung ins Auge.

Nach einem Fahrerwechsel stelle ich erstaunt fest, wie viel Fahrspaß in diesem Geländewagen steckt. Schon auf der Straße zieht der Antrieb auch bei stärkeren Steigungen, die langen Federwege schlucken jede Bodenunebenheit, die Bremsen stoppen scharf. Die größte Freude aber hat man, wenn man von der Straße abfährt, denn mit der G-Klasse kommt man in jedem Terrain mühelos weiter, für die ausgezeichnete Federung und die sehr große Bodenfreiheit sind Schlamm und Geröll eine Kleinigkeit. Querfugen werden platt geschlagen, Bodenwellen ausgewippt, durch die hohe Sitzposition kommt uns die Beschleunigung noch imposanter vor. »Nun wird’s richtig heftig. Hier bleiben die meisten SUVs hängen«, meint Güthenke und lächelt. Er hat Recht. Wenn die G-Klasse irgendwo nicht hinkommt, dann liegt es nicht am Auto, sondern am Fahrer! Ich gebe kräftig Gas, das gefrorene Eis auf dem Weg wird weggesprengt, also ob wir eine Glasscheibe durchbrechen …

Ich weiß nicht, was Sie unter Spaß verstehen. Aber eins ist gewiss. Mit einer Mercedes-Benz G-Klasse den Haus-Berg zu bezwingen, das verstehe ich unter Spaß, und zwar unter SPASS in Großbuchstaben. Und süchtig macht es auch: Ich wollte nach Ende der Strecke das Auto gar nicht mehr zurückgeben.