Eckelt Consultants GmbH

Eine Frage der Ehre

Dr. Wolfgang K. Eckelt
Geschäftsführender Gesellschafter, Eckelt Consultants GmbH

Etliche High Performer verhandeln und handeln heute unberechenbarer als noch vor wenigen Jahren. Ist das Egozentrismus? Narzissmus? Ist das Agilität in eigener Sache? Bei allem Verständnis für den Drang nach radikaler Freiheit: Business braucht immer noch Beziehung, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit. Die radikale Freiheit des einen Players endet auch heute noch da, wo beim anderen das Gefühl der Ehre beginnt. Und wenn Agilität mit Vertrauen kollidiert, kann sie viel kaputt machen.

Er war der perfekte Kandidat: Eine brillante Biografie, hervorragende Qualifikationen, überzeugende Ergebnisse, beeindruckende Positionen. Seine Referenzen erste Sahne, er selbst sympathisch. Ja, er wolle unbedingt von den USA nach Deutschland zurück. Ja, die Rückkehr zur Familie sei jetzt dran, der nächste Lebensabschnitt. Ja, die angebotene Position sei genau das, was jetzt richtig sei. In monatelangen Verhandlungen hatte er hervorragende Konditionen durchgesetzt. Und am nächsten Tag sollte der Vertrag unterschrieben werden – endlich. Geschäftsführer, Vorstand, Aufsichtsrat, alle sollten eingeflogen werden, es sollte ein großer Tag werden.

Dann, am Vorabend, sein Anruf: „Unerwartet ein anderes Jobangebot, in den USA.“ „Wie bitte!?“ „Ich brauche noch ein wenig Bedenkzeit.“ Ich: schweige. Atme durch.

Dann geht vor meinem inneren Auge das Bühnenlicht aus, der Vorhang zu: „Sie haben sich gerade disqualifiziert“, sage ich ruhig. „Die Verhandlungen sind beendet.“ Auf der anderen Seite: Schweigen. Schlucken. „Warum? Das verstehe ich nicht!“ „Es ist eine Frage der Ehre.“ Ich lege auf.

Agilität in eigener Sache
Es passiert immer häufiger: High Performer verhandeln und handeln heute anders als noch vor zehn, zwanzig Jahren. Viele wirken zwar offen, sympathisch, wie der Kumpel von nebenan. Doch sie halten sich zurück in Sachen Loyalität und alle Optionen offen, eiskalt bis zum Schluss. Sie denken anders über ihre Karriere nach, sie schreiben ihren Weg immer wieder neu, immer wieder um. Vielleicht ist es Egozentrismus, vielleicht Narzissmus, vielleicht ist das die neue „Agilität“ in eigener Sache? Reinhard K. Sprenger, Führungsexperte und der Experte zum Thema Motivation schlechthin, erklärt den Wandel so:

Wir leben in einer hoch individualisierten Gesellschaft, in der immer mehr Menschen das eigene Lebensmodell wichtiger erscheint als lebenslang einer überholten Norm von Erfolg nachzurennen.

Für mich als Experte für Executive Search bringt das neue Herausforderungen mit sich: Erstens ist es nicht mehr so, dass High Performer im jeweils nächsten Karriereschritt die nächste Sprosse nach oben nehmen wollen. Die Option
„Ausstieg“ sitzt heute mit am Verhandlungstisch, durchaus schon mit 50 Jahren, wenn es die finanzielle Situation erlaubt. Zweitens haben sich die Prioritäten verschoben. Es geht High Performern im Leben nicht mehr nur um Erfolg, es geht um Lust, sogar um „Spaß“. Wenn ein Job keinen Spaß mehr macht oder ein anderer mehr Spaß verspricht, dann disponiert man eben um. Und sei es spontan. Für frühere Generationen von High Performern war das undenkbar – aus hohen Positionen in Politik und Wirtschaft stieg man nicht aus. Nicht einfach so.

Das sind die Gründe, wodurch die Verhandlungen mit viel versprechenden Kandidaten für suchende Unternehmen und für mich zu einem immer schwerer zu kalkulierenden Prozess wurden. Ja, es gibt sie noch, die Kandidaten, die eine hervorragende Performance und später im Job überzeugende Ergebnisse abliefern. Es gibt aber zunehmend auch solche, die in den Vorgesprächen überzeugen und dann von der Bildfläche verschwinden. Aus einer Laune heraus! Oder solche, die ausrichten lassen, sie segelten im Mittelmeer und hätten es sich anders überlegt.

Entscheidung zu radikaler Freiheit
Was bedeutet diese Entwicklung? Was passiert da? Auf den ersten Blick wirkt die neue Spaßkultur unter High Performern befremdlich. Auf mich jedenfalls. Wenn wir die Entwicklung aus einer weiteren Perspektive betrachten, ist sie nicht nur schlecht. Sie zeugt von einer größeren Beweglichkeit. Handlungsleitend ist nicht mehr die Vorstellung eines „geradlinigen Lebenslaufs“, sondern eine ganz neue, innere Freiheit. In der aktuellen Philosophie wird sie „radikale Freiheit“ genannt. Es geht High Performern heute nicht mehr nur um die Pflicht, von anderen gesetzte Standards – Job, Haus, Auto, Ehe, Kinder – zu erreichen. Es geht vielmehr darum, einen genau passenden, einen sogar einzigartigen Weg zu finden und zu gehen. Ziel ist das „gelingende Leben“, das heute besonders sein muss, um als gelungen zu gelten.

Haltung zeigt sich im Handeln
Beim Versuch, den Wandel zu erklären, hat die Philosophin Rebekka Reinhard unsere Vorstellung von Motivation vom Kopf auf die Füße gestellt:

Radikale Freiheit lebt nicht davon, dass Menschen so handeln, wie sie „wirklich sind“. Radikal freie Menschen „sind“ vielmehr so, wie sie wirklich handeln.

Radikale Freiheit bedeutet also, dass ein High Performer im richtigen Augenblick nach seinen eigenen Spielregeln handelt. Was für Unternehmen und für Executive Search immer heißen kann: Er handelt so, wie wir uns das nicht vorgestellt haben.

Das steht ihm natürlich frei. Jeder kann so radikal frei handeln und denken, wie er es zu verantworten bereit ist. Was manch ein High Performer dabei nicht mit einkalkuliert: dass auf der anderen Seite des Verhandlungstischs ebenfalls freie Menschen sitzen. Menschen mit einer eigenen Vorstellung von radikaler Freiheit, mit einer empfindlichen Integrität und mit einem verletzlichen Ehrgefühl. Und dass in dem Augenblick, in dem der eigene Freiheitsdrang mit der Verbindlichkeits-Erwartung des Verhandlungspartners kollidiert, etwas geradezu Altmodisches passiert: eine tiefe Kränkung.

Business braucht Verbindlichkeit
Es ist wie bei einer Eheschließung: Nachdem so viele monetäre, zeitliche und emotionale Ressourcen in den Aufbau von Vertrauen investiert worden sind, wirkt das Ausspielen der Freiheits-Karte wie ein Zaudern ganz kurz vor dem „Ja!“ in der Kirche. Das kann man unverschämt nennen. Vielleicht auch agil.

Wir reden derzeit viel über Agilität in den Unternehmen. Das ist richtig, denn Digitalisierung und Globalisierung haben das Business sehr viel schneller gemacht, als es vor wenigen Dekaden vorstellbar schien. Doch es ist fatal, die andere Seite der Medaille auszublenden. Business braucht auch Beziehung, Verlässlichkeit, Verbindlichkeit. Und die radikale Freiheit des einen Players endet da, wo beim anderen das Gefühl der Ehre beginnt.

Obwohl es nach längst verstaubten Zeiten klingt, gilt auch in Zeiten der Beschleunigung: Wer sich die Freiheit nimmt, einen hoch dotierten Job anzutreten, der erwirbt in erster Linie nicht Privilegien, sondern Pflichten. Wer schon im Vorfeld kein Pflichtgefühl kennt und wer sich vor lauter Freiheitsdrang nicht mehr festlegen kann, der hat keine Haltung. Der taugt als Führungskraft nicht.

Der Mann ehrt das Amt
„Nicht das Amt ehrt den Mann, sondern der Mann ehrt das Amt.“ Was der Talmud sagt, ist derzeit in Wirtschaft und Politik wieder hoch aktuell. Ein High Performer muss seine Position aus sich selbst heraus formen können, die Position selbst formt den Performer nicht – das gilt für die Führungskraft eines Mittelständlers genauso wie für den Präsidenten einer Nation. Es ist die Haltung, mit der jemand seinen Job auszeichnet. Haltung ist etwas, das schnelle Oberflächenbewegungen souverän überdauert. Haltung ist etwas, mit der sich Freiheit und Pflicht zusammen denken und in sinnvolle Handlungen übersetzen lassen. Agilität ist nicht per se sinnvoll. Und wenn Agilität mit Vertrauen kollidiert, kann sie viel kaputt machen.

Ja, wir sollten mit der Zeit gehen. Wir sollten uns um Agilität kümmern und über radikale Freiheit nachdenken. Und wir sollten endlich auch wieder über das reden, was schon als old school abgeschrieben war: über die Frage der Ehre.