Eckelt Consultants GmbH

Dringend gesucht: Agile Gentlemen

Dr. Wolfgang K. Eckelt
Geschäftsführender Gesellschafter, Eckelt Consultants GmbH

Old-School-Organisation und Start-up-Spirit greifen in der Automobilindustrie längst ineinander. Deshalb funktionieren die auf den einen Star an der Spitze ausgerichteten Karrieren schon längst nicht mehr. Wer heute in Automotive erfolgreich sein will, muss in eigener Sache agil sein, muss disruptiv denken – und sich mit modernen Gentlemen-Tugenden deutlich von plumpen Macchiavelli-Managern abheben.

Der Umbruch ist da: Mercedes steuert mit selbststeuernden Fahrzeugen durch Stuttgart und BMW will 2017 autonome Wagen durch München schicken. Im Wettlauf um die weltbesten Akkus für die elektromobile Zukunft tauchen aus dem Nichts neue Player auf: Schon von den drei Kreisel-Brüdern aus dem österreichischen Mühlviertel gehört?

Etablierte Player versuchen sich in Start-up-Feeling und lassen in ihren Organigrammen kaum einen Stein auf dem anderen. Weniger Hierarchie, weniger Führung, mehr Freiheit für alle. Neue Automotive-Technologien plus agile Organisationen: Genau das lässt die Augen junger High Performer aufblitzen. Genau das treibt aber auch bis dato hoch erfolgreichen Fach- und Führungskräften den Angstschweiß auf die Stirn. Denn das bedeutet das Ende der traditionellen Karriere-Strategien in der Automobilindustrie.

Was, wenn Sie der beste Motoren-Entwickler sind? Dann ziehen andere an Ihnen vorbei, starten durch in der E-Szene. Und Sie? Wenn das Unternehmen die von Ihnen angestrebte Hierarchie-Ebene ersatzlos streicht? Was wird dann aus Ihnen? Wenn Führungspositionen aufgeteilt werden in Delivery Lead und People Lead wie jüngst bei Zalando? Mutieren dann, wenn sie überhaupt noch gebraucht werden, ehemalige Old-Economy-Führungskräfte und Ex-Diesel-Experten zu Wohlfühlfaktorbringern ohne konkrete Aufgabe? Wollen Sie das?

Auch Karrieren werden agil
Für alle, die eine große Karriere in der Automotive-Industrie planen, und für alle, die große Karrieren in dieser Industrie möglich machen, gilt heute der Opel-Claim: „Umparken im Kopf“. Es gibt keine Organisation mehr, die geführt wird wie die Baustelle des Kölner Doms im tiefen Mittelalter. Nach dem Motto: Alles folgt dem Plan des großen Baumeisters. Heute greifen Old-School-Masterplan-Organisation und agiler Start-up-Spirit ineinander. In manch einer Abteilung, in ganzen Firmen herrscht heute geradezu Basar-Atmosphäre, sagt Ayelt Komus, Professor für Organisation und Wirtschaftsinformatik an der Hochschule Koblenz in der Zeitschrift brand eins (6/2016). „Ein Basar ist organischer, er entwickelt sich entsprechend der aktuellen Bedürfnisse und folgt keinem Plan, der eventuell längst überholt ist.“

Das heißt für Automotive-Karrieren: Wo ganze Geschäftsbereiche wegbrechen und wo Großbaumeister weder überall das Sagen haben noch dauerhaft an der Spitze stehen, da greifen auch keine auf die eine Branche und auf den einen Zampano ausgerichteten Karrierestrategien mehr. Die „Gesetze der Macht“, wie sie Robert Greene noch in den 1990er-Jahren in seinem Buch „Power: Die 48 Gesetze der Macht“ formuliert hatte, fokussierten sich auf fiktive „Meister“ und „Könige“, blieben gedanklich in den Kategorien des Hofstaats. Das ist Macchiavelli für alle, die in den 1980er-Jahren zu viel „Dallas“ und „Denver Clan“ gesehen haben. „Stelle nie den Meister in den Schatten“, „Konzentriere Deine Kräfte“, „Spiele den perfekten Höfling“ – klingt erst einmal ziemlich ausgefuchst, doch wenn das je funktioniert hat, ist es lange her.

Mit Macchiavelli nach oben
Wenn in einzelnen Abteilungen oder sogar in kompletten Unternehmen heute Basar-Atmosphäre herrscht – und ich kann diese Diagnose bestätigen – dann brauchen wir neue und auf diese Atmosphäre abgestimmte Karriere-Strategien. Dann müssen wir aufhören, verbissen langfristig und immer schön von unten nach oben zu denken. Dann müssen wir die Buzzwords des agilen Managements auf die eigene Karriere anwenden. Konkret heißt das:

  • Agil in eigener Sache: Wer langfristig erfolgreich sein will, der hat zwar vielleicht den großen Masterplan für seine Laufbahn in der Schublade. Er folgt aber nicht stur diesem einen Masterplan. Vielmehr hat er ständig die Nase im Wind, handelt schnell, justiert ständig nach und wenn die große Chance von ganz woanders ruft, steuert er eben komplett um.
  • Disruptiv denken: Wer langfristig erfolgreich sein will, muss bereit sein, jeden Tag alles in Frage zu stellen. Muss es unbedingt eine Automotive-Karriere sein? Warum nicht eine andere Branche? Muss es unbedingt der Mittelständler in Süddeutschland sein? Warum eigentlich nicht selbst gründen? Und: Muss es der einmal etablierte Lifestyle sein? Warum nicht ganz anders neu anfangen?

Ich möchte an dieser Stelle nicht einstimmen in das Getöse derjenigen, die unter den Stichworten agil und disruptiv derzeit schnelle Erfolgsrezepte versprechen. Es ist noch nicht vorbei mit der Old Economy und es wird auch so schnell damit nicht Schluss sein: Performance, Status, Reputation. Das alles zählt hier nach wie vor. Macchiavellis Strategien funktionieren vielerorts noch ganz gut.

Echte High Performer sind Gentlemen
Doch schauen wir uns einmal die drei Kreisel-Brüder aus dem hintersten Österreich an, die derzeit am weltbesten Akku tüfteln. Oder, anderes Beispiel: Die drei Passauer Studienfreunde, die vor zehn Jahren versuchsweise MyMuesli gründeten, die vom eigenen Erfolg überrollt und mit Gründerpreisen überhäuft wurden und heute eine wirklich große Firma führen? Denen geht es nicht um „Gesetze der Macht“, die haben gar keine Zeit, sich gegenseitig mit „Gesetzen der Macht“ auszutricksen, und das wollen sie auch gar nicht. Macchiavelli interessiert sie nicht.

Das Böse, das Hinterlistige an Macchiavelli-Strategien liefert zwar erstklassige Stoffe für Wirtschaftskrimis – fiktiv und real. Diesen Bodensatz des Unanständigen wird es in der Wirtschaft immer geben. Dass derartige Grenzverletzungen aber zwingend erfolgreich machen, das ist ein Fehlschluss. Bewiesen:
„Inside the Mind of the Chief Executive Officer“ heißt die Studie, für die Russell Reynolds Associates 900 Profile von Managern der obersten Führungsebene verglichen hat mit 6.000 Profilen der zweiten und dritten Ebene. Und siehe da: CEOs zeichnen sich durch Eigenschaften wie Mut, Belastbarkeit, starken Eigenantrieb und Kommunikationsfähigkeit aus. Haben wir nicht anders erwartet. Doch jetzt kommts: Die besonders erfolgreichen Unternehmenschefs – in dieser Studie also solche, die ein jährliches Umsatzwachstum von mehr als fünf Prozent erreichen – die sind noch einmal anders. Die haben mehr Leidenschaft, mehr Fokus, die sind analytischer, empathischer. Die sind weniger prätentiös, weniger arrogant und haben mehr Humor. Moderne Gentlemen!
„Das Weniger als Selbstdarstellung bedeutet ein Mehr an Offenheit und Entspanntheit“, schreibt der Philosoph Martin Scherer über diesen Typus. Es bedeutet auch, so meine ich, ein Mehr an unverkrampfter Leistungsfähigkeit, an Weltgewandtheit und an Unangepasstheit.

Heiße-Luft-in-Prada-Tüte-Typen will keiner mehr
Moderne Gentlemen sind das Gegenteil von Karrieretypen der Kategorie „Heiße Luft in Prada-Tüte“, der in den 1980er-Jahren noch erstaunlich gut vermittelbar war – und den die junge Generation nur noch peinlich findet. Moderne Gentlemen sind das Gegenteil von den neuen Trumpelmen, die uns jetzt aus den USA entgegengerüpelt kommen.

Moderne Gentlemen wie die MyMuesli-Jungs sind High Performer, die im richtigen Moment genau die richtige Idee hatten. Die den Mut hatten, genau das durchzuziehen, was sie gut fanden. Es sind Player, die morgen etwas ganz anderes auf den Markt bringen, wenn sie eine noch bessere Idee haben. Ob man diese Haltung nun agil oder disruptiv nennt, ist ihnen wahrscheinlich egal. Performance? Klar, können sie. Status? Interessiert sie nicht besonders. Selbstironie und Humor? Aber klar. Reputation? Ist nebenbei entstanden, von allein. Weil die Jungs alles daran setzen, einen guten Job zu machen.

Diese Haltung brauchen wir jetzt, wenn wir auch in Zukunft erfolgreich sein wollen. Und diese Haltung will ich sehen, wenn ich High Performer suche.