IM DIALOG

Jörg Reithmeier


Mitglied des Vorstands der Erwin Hymer Group

Herr Reithmeier, die Erwin Hymer Group ist einer der größten Hersteller von Reisemobilen und Caravans weltweit. Sie vereinen mittlerweile 22 bekannte Marken unter Ihrem Dach. Welche strategischen Ziele verfolgen Sie mit diesem großen Markenhaus?

Die Erwin Hymer Group hat eine starke Vision: „Wir wollen Menschen weltweit einzigartige Freizeit- und Mobilitätserlebnisse ermöglichen.“ Wir wollen, dass jeder Mensch in den Genuss dieser faszinierenden Erlebnisse kommen kann. Daher vereinen wir die führenden Hersteller von Reisemobilen und Caravans, Zubehörspezialisten sowie Miet- und Finanzierungsservices unter einem Dach. Wir haben für jeden Kundenwunsch das passende Angebot. Vom günstigen Einsteigermodell bis zur komfortablen Luxusklasse, von der Vermietung bis zur Finanzierung. Mit unserem Markenportfolio, unseren Produkten und Dienstleistungen sind wir einer der wenigen 360-Grad-Anbieter in der Caravaning-Branche. In unserem Markenhaus hat jede Marke ihren festen Platz, ihre unverwechselbare Identität und klar definierte Zielgruppen. 

 

Die Erwin Hymer Group ist in unserer Branche aber auch das einzige wirklich global aufgestellte Unternehmen. Nach dem Erwerb der kanadischen Marke Roadtrek Anfang 2016 und der Gründung der Erwin Hymer Group North America haben wir 2017 mit der Akquisition der in UK ansässigen Explorer Group vier weitere starke Marken in unser Markenportfolio aufgenommen.

Sie konnten Ihren Absatz im vergangenen Jahr um 38 Prozent auf 55.000 verkaufte Freizeitfahrzeuge weltweit steigern. Was sind die Gründe für dieses hervorragende Ergebnis?

Die Nachfrage nach unseren Produkten war 2017 so hoch wie noch nie. Der Trend zum Caravaning trägt spürbar zu diesen herausragenden Ergebnissen bei. Dennoch fällt uns dieser Erfolg nicht einfach in den Schoß. Dank unserer Internationalisierungsstrategie und unserer Akquisitionen erschließen wir nicht nur große zusätzliche Marktpotenziale und Kundenschichten, sondern werden auch weniger anfällig für regionale Schwankungen in den einzelnen Märkten. 

 

Ein weiterer Grund ist unsere Fähigkeit Synergien zu nutzen. Unsere Branche steht vor großen technologischen Herausforderungen, die von einer Marke allein nur schwer zu bewältigen sind. Die Erwin Hymer Group und ihre Marken haben die Möglichkeit ihre Ressourcen und Kräfte zu bündeln. Damit können wir effizienter entwickeln und Innovationen schnell in den Markt bringen.

 

Gleichzeitig richten wir alle Bereiche noch mehr auf die Bedürfnisse unserer Kunden aus. Ein gutes Beispiel ist hier unsere digitale Community-Plattform „freeontour“, ein gruppenübergreifendes Themen- und Serviceportal rund um das mobile Reisen. Mit „freeontour“ haben wir ein digitales Ökosystem geschaffen, in dem nicht das Produkt, sondern der Mensch mit seinem individuellen Bedürfnis an Freizeit- und Mobilitätserlebnissen im Mittelpunkt steht.

Sie möchten Ihren Kunden also mehr bieten als nur ein Reisemobil oder einen Caravan. Welche strategischen Schwerpunkte setzen Sie für das Caravaning der Zukunft?

Wie sagte Erwin Hymer immer: „Die beste Garantie für eine erfolgreiche Zukunft ist, heute schon gute Zahlen zu schreiben.“ Wie recht er hatte: Unser gegenwärtiger Erfolg versetzt uns in die Lage, jetzt die Weichen für unseren zukünftigen Erfolg zu stellen und die dafür notwendigen Investitionen bereitzustellen. In den nächsten Jahren investieren wir jährlich über 100 Millionen Euro in Entwicklungs- und Zukunftsprojekte innerhalb der Erwin Hymer Group. Wir wollen die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen, um das Caravaning der Zukunft für unsere Kunden zu einem begeisternden Erlebnis zu machen. Schwerpunkte in unserer Digitalstrategie setzen wir daher vor allem im Bereich der Netzwerk-Plattformen, der cloudbasierten Dienste und der Konnektivität.

 

Vor allem die Vernetzung im Reisemobil spielt eine immer größere Rolle. Hier erforschen wir, welche Anwendungen für den Nutzer wirklich relevant und wertschöpfend sind. Dabei stellen wir uns die zentrale Frage, welche individuellen Lösungen zu einer begeisternden Freizeiterfahrung beitragen. Caravaning wird immer mehr zu einem umfassenden Erlebnis, das die Reisenden mit Freunden und Familie sowie mit anderen Reisenden im sozialen Raum teilen. Neben den Möglichkeiten der Vernetzung bieten neue Connectivity-Funktionen auch mehr Komfort, Sicherheit, Individualisierung und Flexibilität – eine ganz neue Art des Erlebens.

Das Reiseverhalten befindet sich außerdem in einem technologischen Umbruch. Unsere Kunden erwarten heute einen individuellen und einfachen Zugang zu allen Dingen des mobilen Reisens. Dies beginnt mit einer Empfehlung des besten Stellplatzes vor Ort und endet mit einer Steuerung der Heizung und Klimaanlage per App auf dem mobilen Endgerät. Diese Kundenanforderungen erfassen wir durch intensive Marktforschung und übersetzen sie dann im Produktmanagement in entsprechende technische Anforderungen.

 

Welche Rolle spielen neue Technologien wie beispielsweise das autonome Fahren in Ihren Planungen?

Das autonome Fahren wird die Art und Weise, wie wir reisen, nachhaltig verändern. Die Erwin Hymer Group hat 2017 als weltweit erstes Unternehmen die Erlaubnis erhalten, autonom fahrende Reisemobile im öffentlichen Straßenverkehr zu erproben. Als Schrittmacher unserer Branche wollen wir diese Schlüsseltechnologien frühzeitig verstehen und ihre Entwicklung aktiv mitgestalten. 

 

Durch das Fahren mit Autopilot wird das Reisemobil zum Chauffeur. Für den Nutzer bedeutet das freie Zeit und Entspannung von Anfang an. Durch den Wegfall der aktiven Fahrzeugsteuerung gewinnt der Passagier Zeit, die er für produktives Arbeiten, die Kommunikation mit Familie und Freunden oder zur Entspannung und Erholung während der Fahrt nutzen kann.


Mit unserem Wissen über Kundenbedürfnisse und Trends fügen wir die Summe der besten Einzelteile zu einem stimmigen und begeisternden Ganzen zusammen.

 

Alternative Antriebe sind aktuell in aller Munde. Welche Antriebstechnologien stehen für die Erwin Hymer Group im Zentrum der Forschungs- und Entwicklungsarbeit?

Wir erforschen seit Jahren intensiv die Möglichkeiten alternativer Antriebe. Mit dem „Innovision“ Konzept unserer Kernmarke Hymer haben wir bereits vor zehn Jahren ein Reisemobil mit komplett gasbasierter Bord- und Fahrzeugtechnik vorgestellt. Bereits vier Jahre später hat Hymer das erste Fahrzeug mit Hybrid-Antrieb präsentiert. 

 

Mit dem e.Home von Dethleffs haben wir dann 2017 erstmals ein rein elektrisch angetriebenes Reisemobil vorgestellt, welches emissionsfrei, umweltfreundlich, autark und effizient ist. Die Reichweiten unseres Prototyps sind mit 180 km noch überschaubar. Studien wie das e.Home Elektromobil helfen uns aber, die Möglichkeiten neuer Antriebstechnologien früh zu testen und besser zu verstehen. Dabei spielt vor allem das Thema Gewicht eine große Rolle. Leichtbau ist ein zentraler Aspekt unserer Nachhaltigkeitsstrategie und ein Schwerpunkt in der Entwicklungsarbeit der Erwin Hymer Group. Mit unserem Konstruktionsansatz ICON definieren wir heute bereits den Leichtbau von Caravans neu. Mit dem nur 638 kg schweren Coco von Dethleffs haben wir dieses Jahr den leichtesten Caravan seiner Klasse präsentiert. Durch die Verfügbarkeit neuer Antriebstechnologien wird Leichtbau mit seiner direkten Wirkung auf Stabilität und Reichweite zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor.

Die Erwin Hymer Group bezieht heute den Großteil ihrer Chassis von Lieferanten aus der Automobilindustrie. Wie stellen Sie sicher, dass Ihre konkreten Anforderungen in externen Entwicklungsprojekten entsprechend berücksichtigt werden?

Die Erfüllung unserer Anforderungen stellen wir durch eine enge Zusammenarbeit in den Entwicklungsprojekten der Automobilhersteller sicher. Wir kaufen heute nicht einfach nur Produktionsmaterial ein, sondern integrieren Hardware, Software und Services auf Maß in unsere Konzepte. Wir sehen uns als eine Art Systemintegrator: Mit unserem Wissen über Kundenbedürfnisse und Trends fügen wir die Summe der besten Einzelteile zu einem stimmigen und begeisternden Ganzen zusammen. Dabei sind wir unabhängig in der Auswahl unserer Partner und sichern so die hohe Qualität unserer Produkte. Basis für alle Projekte ist ein professioneller Produktentwicklungsprozess, der durch standardisierte Prozessschritte, durch Dokumentation und Gates sicherstellt, dass die Projektziele auch möglichst vollumfänglich erreicht werden.

 

Um mit unseren externen Partnern immer auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten, ergänzen wir unsere Kernkompetenzen ständig. 2016 haben wir beispielsweise unser eigenes Testcenter mit Schlechtwegestrecke in Betrieb genommen. Und aktuell erweitern wir unsere Kompetenzen in der Chassis-Entwicklung und bei Cloud-Lösungen, so dass wir auch in der Lage sind, Lösungen selbst zu entwickeln, wenn nötig. 

 

Abschließend: Wie sehen Sie die Zukunft der Erwin Hymer Group? 

Durchweg positiv und spannend. Durch die fortschreitende Digitalisierung, die Verfügbarkeit alternativer Antriebe und Technologien wie dem autonomen Fahren bekommen unsere Konzepte und Fahrzeuge eine völlig neue Wahrnehmung und Relevanz. Wo die Automobilindustrie heute immer noch in der Fahrgastzelle gefangen scheint, verfügen wir über das Wissen und die Ressourcen, um den mobilen Wohnraum der Zukunft zu gestalten.